Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

II. 3.

73

mancher Kaufleute war mit derselben Elle zugemessen undderselben "Waare gewogen, womit vorher Tuch zu den höchstenPreisen gemessen oder Kaffe gewogen war. Und welche Preisemussten die Arbeiter zahlen! Fünfzig Prozent und theurerwaren nicht seltene Fälle! Die einzige Norm, nach welcherder Preiscourant angefertigt war, war häufig die mehr oderminder grosse Gewinnsucht der Fabrikanten. Um Brot zumLeben und Geld für die Steuern zu erhalten, mussten dieArbeiter den Kaffe, den sie soeben für 1012 Groschen be-kommen, zu ß 1 j 2 Groschen beim Bäcker verkaufen. Hier einBeispiel!

Ein Kittelchen angerechnet zu 25 Groschen, sonst nur 14 Grosch.

Der unmenschlichste Wucher fand in der Vereinigung vonLaden und Schenke statt; namentlich mittlere Kaufleute undFertigmacher übten ihn aus. In diesen Schnapshöllen musstendie Arbeiter auf ihre Abfertigung warten und zwar lange,damit sie um so unfehlbarer ihr Verdienst vertranken. DieLangeweile führte sie zum Kartenspiel, dabei entstand Streitund Zank; eine beispiellose Sittenverwilderung riss ein; Sonn-tags kamen sie betrunken aus den Kneipen ihrer Fabrikanten,die Kinder an der Hand. In einem Büchelchen waren aufEiner Seite 33 Schnäpse zu sieben Pfennig angezeichnet! Inanderen figurirte der Branntwein als stehende Rubrik; Frauund Kinder brachten ihn nach Hause!

Da es nun selten war, dass ein Arbeiter für einen einzigenFabrikanten arbeitete, vielmehr häufig für etwa zehn, so mussteer sich mit Allen gut stellen, d. h. bei Allen kaufen. Unddiese waren nicht sehr schonungsvoll im Eintreiben ihrer For-derungen. Im Elberfelder Handelsgerichte liegen die Acteneines Falles, w r o einem Scheerenmacher für 83 Thaler Waarenin Leinen, Nessel u. s. w. trotz seines Sträubens aufgedrungenwaren mit dem Bemerken, er könnte Scheeren dafür machen.Als nun derselbe eine Partie Scheeren zum Termin nichtliefern konnte, wurde er verklagt und der semitische Krämerhatte die Frechheit, darauf anzutragen, dass der Arbeiter denganzen Werthbetrag der AVaaren haar auszahle. Diese Klagewies das Gericht ab und verurtheilte diesen nur zur Baar-zahlung des Betrages der nicht gelieferten Scheeren. Aehn-liclie Fälle finden sich zahlreich in den Acten. Meist Messendie Kaufleute ihre Arbeiter durch Winkelconsulenten vor demFriedensgericht einklagen, wo sie gleich verurtheilt und dannin der Mehrzahl der Fälle ausgepfändet wurden. Der öffent-liche Verkauf von Mobilien, die Zustellungen von Acten brachtenden Gerichtsvollziehern Tausende von Thalern ein.

Ein Tuch

Ellemvaaren, pro ElleEine Partie LeinenEine Jagdtasche