II. 3.
71
und Geheimrüthe auch etwas Ueberraschendes haben müssen,und es auch nicht zu leugnen ist, dass kleinliche Rechthabereiund Zanksucht eine ungebührliche Rolle gespielt haben, sowaren doch andererseits jene Processe ein Beweis, dass dieArbeiter einig für ihre gemeinsamen Interessen zusammenstanden und nicht willenlos jedem Drucke nachgaben. SeitAufhebung der Zünfte wurden sie mundtodt; nicht einmal fürdas Billigste, das Vorbringen von Beschwerden und Wünschen,hatten sie ein Organ, eine Gewerbekammer, um sich im regel-massigen Gange der Geschäfte mit den Verwaltungsbehördenins Benehmen setzen zu können.
Die Organisationslosigkeit war auch die Ursache, dass einUebelstand, den wir schon oben berührt, nach und nach zueiner beispiellosen Höhe, zu einer solchen Calairütät ausartenkonnte, wie man sie sonst im Rheinland nicht kannte. An-hebend mit dem Wucher und der Noth Einzelner, endete ermit dem Betrüge und der Corruption Aller; der KlagerufSolingens drang so gellend durch alle Gauen Deutschlands,dass zuletzt die Regierung trotz ihrer damaligen prinzipiellenfreihändlerischen Bedenken der durch Jahrzehnte zugelassenenAusbeutung der arbeitenden Klasse Einhalt zu thun veran-lasst wurde. Kur mit Widerwillen schlage ich es auf, dasschwarze Blatt in Solingens Geschichte.
Das Waarenzahlen, denn von diesem ist hier die Rede,ist keine Erfindung des XIX. Jahrhunderts. Seit den ältestenZeiten suchten die Kaufleute den kleinen Handwerksmeisternund die Arbeitgeber den Lohnarbeitern in Waaren statt inBaargeld die Waaren- und Arbeitspreise zu bezahlen; wieder-holt sind die Klagen aus den früheren Jahrhunderten erwähntworden. Dieses System hatte seinen Grund theils in derdamaligen Natural wirthschaft, theils in den laugen Creditendes Handelsverkehrs, theils in dem Umstande, dass die Fer-tigmacher oft selbst Waaren in Zahlung erhielten und diesedann ihren Arbeitern Weitergaben, theils darin, dass eine Gruppevon Kaufleuten neben der Fabrikation ihr Hauptgeschäft insolchen Waaren betrieb, welche sie bequem an Zahlungsstattaufdrängen konnte. Ueberhaupt hatte die Industrie wenigCapital; die Unternehmer suchten an demselben zu sparen undihren Lohnfonds zu verringern, indem sie mit geringwerthigenZahlungsmitteln, mit höher im Preise angerechneten Waaren,auslohnten. Durch die Verordnungen der Jahre 1654 und 1687war solches verboten und musste daher mit Vorsicht und imGeheimen betrieben werden; das Jahr 1801* beseitigte jedochauch diese Schranke und in der nun folgenden geldlosen Epochebeginnt das straflos gewordene Trucksystem stärker als je auf-zublühen. Noch einmal brachte der Landrath die beginnendeCorruption zum Stehen, indem er im Jahre 1819 im SolingerWochenblatt einige verrufene Waarenzahler der öffentlichen