Druckschrift 
2 (1879) Die Industrie des bergischen Landes : (Solingen, Remscheid und Eöberfeld-Barmen)
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen
 

32

II. 3.

Mittelstand zu erhalten. Heim hausindustriellen Betriebe hattendie Lohnarbeiter nunmehr ganz andere Sorgen; ihr Haupt-interesse war die Festsetzung ihres Einkommens, des Lolines,und dessen Zahlung in Baargeld; daneben verschwand fast dieRegelung des Arbeitsangebots durch das Lehrlingswesen. HieZünfte blieben bestehen, aber aus Bruderschaften zu genossen-schaftlicher Arbeit mit gewerbepolizeilichen Funktionen wurdenKampfvereine zur Erzwingung günstiger Arbeitsbedingungen,höherer Löhne. Unter der Masse einander gleichstehender,zugleich fabricirender und handeltreibender Handwerksmeisterhatte kein rechter Klassengegensatz bestanden; nun platzt erauf zwischen den arbeitgebenden Kaufleuten und lohnarbei-tenden Meistern; das XVIII. Jahrhundert ist erfüllt durchKümpfe um deren Lebenselement, den Lohn.

Die Entwicklung des hausindustriellen Betriebes rief dieAbhängigkeit des Lohnarbeiters vom arbeitgebenden Kaufmannhervor und es begannen damit endlose Klagen. Der Meistermüsstenach seinen Augen sehen, nach seiner Pfeife tanzen,sonst würde er vom Kaufmann und dessen Verwandtschaft,welche meist sehr zahlreich war, ausser Brot oder aufsschwarzeBrett gesetzt. Dieses Verfahren bestand darin, dass derKaufmann, wenn ein Arbeiter den zuständigen satzungsmüssigenLohn einklagte, ihn den übrigen Kaufleuten anzeigte und diesedazu verleitete, dem klagenden Arbeiter gleichfalls keine Be-schäftigung zu geben; auch heimliche Bündnisse kamen zuStande, den Arbeiter völlig ausser Brot zu setzen. Die Lagedes Handwerks wurde eine ganz traurige 1 )- Da gelang es denSchwertbrüdern bei Ausbruch des siebenjährigen Krieges diegünstige Conjunctur benutzend, eine Lohnliste zu errichten.Die Messerschmiede fassten sich nun auch ein Herz undetablirten für die Zuschlagmesser und -gabeln, welche ganzausserordentlich im Preise gesunken waren, ohne Zuthun derKaufleute am 14. März 1757 eine Satzordnung, welche am31. Juli 1759 die churfürstliche Bestätigung erhielt. Dieselbeist zwar niemals zur Durchführung gelangt, doch hatte dieswenig zu bedeuten, da nach Beendigung des Krieges günstigeJahre kamen und der Lohn so hoch stieg wie noch nie.

Eine Menge von Kaufleuten und Fertigmachern entstand.Ohne hinlängliches eignes Vermögen nahmen sie übermässigenCredit zu hohen Zinsen in Anspruch, sandten eine Menge vonMaaren ohne Bestellung ins Ausland und griffen, um in ge-nügender Menge und zu billigem Preise liefern zu können, zuschlechteren Arbeitern. Der Rückschlag trat bald ein; grosseVorräthe wurden in Holland und anderen Staaten unter dem

*) Ebendaselbst, Acta 30, ein reiches Actcnmaterial, namentlich überden zehnjährigen Process; auch mehrere gedruckte Streitschriften eben-daselbst und im Stadtarchiv zu Bannen.