II. 3.
29
schon seit den ältesten Zeiten in Solingen geherrscht zu habenscheint, in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts fast den Ruindes Gewerbes herbeiführte, dann durch Gesetze eingeschränktwurde, um nach Aulhebung derselben zur Zeit der vollenSchutzlosigkeit der Arbeiter in den 1820—40 er Jahren zujenem schreckenerregenden System sich auszubilden, welchesSolingen zu einer so traurigen Berühmtheit in Deutschlandverhalt'.
Hatten die ausländischen Kaufleute einmal zu niedrigerenPreisen gekauft, so wollten sie die höheren selbstverständlichnicht mehr zahlen. Ein allgemeines Sinken der Waarenpreisewar die Folge der Concurrenz der Solinger Verkäufer untereinander; diese mussten sich doch an irgend Etwas schadloshalten, sie thaten es an den Maaren und an den Arbeitern.Zu den Maaren gal» der Kaufmann schlechteres Material, wasder Arbeiter erst beim Schmieden merkte; zurückbringenkonnte er dasselbe nicht, da er bei einer Entfernung von oftsieben Stunden zu viel Zeit verloren hätte, und klagen durfteer auch nicht, denn dann hätte er seine Beschäftigung einge-büsst. Auf die Ausführung der Arbeit wurde auch nicht vielgeachtet, denn eine Reihe nicht zum Handwerk gehörigerArbeiter wurde herangezogen, welche billiger, aber auchschlechter arbeiteten; dadurch hatte man die Möglichkeit, auchden Lohn der tüchtigen Arbeiter zu drücken. Einen Theilder Schuld trugen hier auch die Fertigmacher, die mit eigenenSöhnen arbeiteten; denn lieferten diese untüchtige Maare, sokonnten sie doch nicht weggeschickt werden, wie man es mitunfähigen Knechten tliat. Und auch für damals mag schondas Characteristicum vom Jahre 1802 gegolten haben: jeneSöhne übten sich mehr in der Merkstatt des Cupido als desVulcanus. Das Resultat dieser Entwicklungen war, dass derRuf der Solinger Maare erschüttert wurde und die Arbeiter„kaum das schwarze Brod“ hatten. Ermöglicht wurden alleGesetzwidrigkeiten dadurch, dass die Kaufleute sich in dieVogts- und Rathsbedienung eingedrängt und sich damit der Ver-waltung und Rechtspflege im Handwerk bemächtigt hatten.
Die wachsende innere Concurrenz der Kaufmannschafttrieb sie dazu, den in der Nähe entgehenden Gewinn in immerferneren Ländern zu suchen. Jeder Markt, den der Solingermit seiner Klinge siegreich betrat, jeder Ort, wo der unprivi-legirte Kaufmann neben Elberfelder Bonten auch SolingerMesser absetzte, vermehrte aber auch die Schwankungen imGange der Industrie und gab, was so wichtig für die socialeKlassenbildung wurde, eine steigende Macht denen, welche reichund geschickt genug waren, die Krisen zu überdauern. DieEntwicklung der Kaufmannschaft und. des Capitalismus hatJahrhunderte gedauert und bis auf den heutigen Tag sind diekleinen Geschäfte in Solingen noch nicht ganz von den grossen