10 Siebenhundert und dreiunddreißigste Ulicht.
Thron mit dem Ri'chterbuche in der Hand, und ließ die Thore öffnen und alle Viziere,Gelehrten und Häupter deö Volks Einen nach dem Andern vor sich kommen und vonden Sklaven aus dem Wege räumen. Nachdem auf diese Weise alle Mächtigen dasLeben verloren hatten, wurde das gemeine Volk weggejagt, und ein Jeder eilte schnellin seine Wohnung. Der König überließ sich nun ganz seinem Vergnügen und vernach-lässigte das Heil des Staates und das Wohl seiner Unterthanen. Da aber dieserKönig wegen seines an Gold, Silber und Edelsteinen so reichen Landes von allenseinen Nachbarn beneidet wurde, so dachte einer der benachbarten Sultane, der vonder Hinrichtung der Viziere und Gelehrten hörte: Nun werde ich bald zum Besitze dieseskostbaren Landes gelangen; dieser junge, unbesonnene König hat Niemanden mehr, aufden er sich stütze» kann, es wird mir leicht werden, sein Land zu erobern. Erbeschloß daher, um seine Stärke zu prüfen, ihm folgenden Brief zu schreiben:
„Im Namen Gottes, des Allgnädigen, Allbarmherzige»! Wir haben vernommen,daß du die Gelehrten deines Reichs und deine Viziere und mächtigen Krieger hastumbringen lassen, und daß du überhaupt einen schlechten und ruchlosen Lebenswandelführst, wodurch uns Gott den Sieg über dich erleichtert. Du stehst nun unter meinenBefehlen, baue mir daher einen großen Palast aus der Oberfläche des Wassers mittenim Meere; kannst du dies nicht, so verlasse dieses Land. Ich werbe meinen Viziermit zehntausend Regimentern, jedes aus tausend Kriegern zusammengesetzt, in dein Landschicken, um davon Besitz zu nehmen; er wird dir nur drei Tage.Frist gönnen, undwidersetzest du dich ihm, so wird es bald um dich geschehen seyn."
Diese» Brief schickte der Sultan durch einen Boten ab, und als der verweichlichteKönig ihn gelesen hatte, verlor er allen Muth und alle Kraft, und wußte nicht, wasbeginnen, denn er hatte Niemanden, der ihm Beistand leistete. Er ging ganz blaß undentstellt zu seinen Frauen, und als sie ihn fragten: »Was hast du, o König?" antworteteer: „Ich bin nicht mehr König, ich bin nur noch ein Sklave," und las ihnen weinendden eben erhaltenen Brief vor und fragte sic, ob sie ihm nun in dieser Noth zu raihcnwüßten? Die Frauen antworteten: „Wir sind ja nur Weiber, wir haben wederVerstand, noch Kraft genug, um in einer solchen schwierigen Sache einen Ausweg zufinden; du kannst nur bei Männern Rath und Hülfe suchen." Jetzt sah der König erstein, daß er durch die Hinrichtung seiner Viziere, Gelehrten und Großen des Reichsein großes Unheil über sein Land gebracht hatte; er bereute sehr, was er gelhan, undsagte zu seinen Frauen: „Mir geht es mit euch, wie dem Rebhuhne mit den Schildkröten."Da fragten die Frauen: „Was war das für eine Geschichte?" Darauf erzählte der König: