702 Vierhundert und drciundsunfzigste Nacht.
den Jüngling gesehen, den der alte Diener aus Griechenland nütgebracht, und michüberzeugt, daß er nur wegen der Kaiserin hierher gekommen ist; ich bin eben an derThüre ihres Gemachs vorübcrgegangcn, da erwartete sie ihn, umarmte ihn und küßteihn auf die Wangen." Als der Kaiser dies hörte, kam er vor Wuth ganz außer sichund riß sich fast den Bart aus; dann ergriff er sogleich den Prinzen und den altenDiener und ließ sie in einen Kerker werfen, der im Palaste war. Er ging dann zuseiner Gattin und sagte ihr: „Bei Gott! du hast dich schön betragen, du Tochter
der Tugendhaften, um die Könige warben und die ihres guten Rufes willen für eine
kostbare Perle galt. Gott verdamme die, deren Inneres nicht wie ihr Aeußeres ist;wie kannst du dir mit einem so abscheulichen Herzen ein so reines Aussehen geben?Ich will aber an dir und deinem Günstlinge der Welt ein Beispiel geben. Nun weißich, daß du den Diener nur um den Jüngling hierhcrzubringen weggeschickt. Duwolltest mich mit unerhörter Frechheit hintergehen, nun sollst du aber deinen Lohn dafürempfangen." Mit diesen Worten spie er ihr in's Gesicht und ging weg. Schah
Chatun sagte kein Wort, denn sie wußte wohl, daß ihr der Kaiser in diesem Augenblicke
doch nicht glauben würde, und setzte ihr Vertrauen auf Gott, der das Offenbare unddas Verborgene kennt und gegen dessen Willen die Todesstunde weder verschoben nochvorgerückt werden kann.
Der Kaiser brachte mehrere Tage höchst bestürzt zu; er konnte weder essen, nochtrinken, noch schlafen, und wußte nicht, was er thun sollte; bringe ich den Jungen undden Diener um, dachte er, so bin ich ungerecht, denn die Kaiserin, welche den Altengeschickt, um den Jungen zu holen, ist schuldiger als Beide. Alle Drei umzubringengibt aber mein Herz nicht zu; ich will mich daher nicht übereilen und die Sache noch bedenken,ehe ich ihren Tod bereue. Während der Kaiser so trübsinnig in seinem Gemache saß,trat seine Amme, auf deren Schooß er erzogen worden, zu ihm herein, fand ihn aberso entstellt und so düster aussehend, daß sie ihn gleich wieder verließ und zu SchahChatun ging. Als sie auch diese in großer Bestürzung fand, fragte sie, was ihrzugestoßen? Die Kaiserin gestand nichts, aber die Amme schmeichelte ihr so lange undversprach so bestimmt, sie wolle das Geheimniß Niemanden mittheilen, bis endlich dieKaiserin ihr die ganze Geschichte mit ihrem Sohne, von Anfang bis zu Ende, erzählte.Da sagte die Amme: „Diese Geschichte ist ja höchst wahrscheinlich, warum erzählst dusie dem Kaiser nicht?" Aber die Kaiserin versetzte: „Bei Gott! meine Mutter, ichwill lieber mit sammt meinem Sohne sterben, als Etwas sagen, das man doch nichtglauben würde; Jedermann wird sagen: sie gibt ein Märchen vor, um die Schande