152 Dreißigste Nacht.
gesprochen? ist es wahr, daß du mich angeredet?" Da erwiderte der König: „Du Ver-fluchte! verdienst du wohl, daß Jemand dich anrede?" Sie fragte: „Warum dies?" under antwortete: „Du quälst deinen Gemal den ganzen Tag, er schreit immer um Hilfe,so daß ich gar nicht schlafen kann, er weint und klagt von Abends bis Morgens undfluchet dir und mir. Nun ist mir dies schon längst zum Ueberdruß und höchst lästig;und wäre dies nicht, ich wäre längst wieder genesen; das ist die Ursache, warum ich dirso lange nicht geantwortet und nichts mit dir gesprochen habe." Sie antwortete hierauf:„Mit deiner Erlaubniß, mein Herr, will ich ihn befreien;" und da er zu ihr sagte: „Sobefreie ihn denn, daß wir einmal Ruhe vor ihm bekommen," da ging sie hinaus, nahmeine Schüssel voll Wasser, sprach etwas darüber, bis es zu kochen und auszuwallen an-fing, wie ein Topf am Feuer, sie besprizte hierauf ihren Gemal damit und sprach: „Beider Wahrheit dessen, was ich eben gelesen und gesprochen, hat dich Gott so geschaffenoder aus Zorn dir diese Gestalt gegeben, so verändre dich nicht, bist du aber durch meineZauberkunst so geworden, so nimm durch die Kraft des Schöpfers der Welt deine frühereGestalt wieder an."
Sogleich erhob sich der junge Mann ganz aufrecht, freute sich seiner Befreiung und
daß er lebte, und rief: „Gelobt sey Gott!" Die Frau aber sagte ihm: „Geh von mir
hinweg und komme nie wieder hieher; sobald ich dich wieder sehe, tödte ich dich." Als erweggegangen war, kehrte sie zur Kuppel zurück, trat in die Grabeshöhle hinunter undsagte: „O mein Herr, komme doch heraus, damit ich deine schöne Gestalt wieder sehe."Der König antwortete wieder in einer Sprache, die der eines Schwarzen glich: „Wohlhast du jezt mir vor dem Zweige Ruhe verschafft, nun aber schaffe mir auch Ruhe vor
dem Stamme." Sie antwortete: „O mein Herr! was ist denn der Stamm?" — „Wehe
dir!" versezte er, „du Verruchte, es sind die Bewohner der Stadt der vier Inseln; dennjede Nacht um Mitternacht strecken die Fische ihre Köpfe in die Höhe, schreien um Hilfeund fluchen mir; darum kann ich nicht gesund werden. Gehe also schnell hin und befreiesie, kehre dann wieder zurück, gib mir die Hand und hilf mir aufftehen, denn schon sehrnahe bin ich wieder der Genesung." Als sie dies hörte, freute sie sich mit der gutenBotschaft und sprach: „Recht gern, mein Herr! im Namen Gottes mein Herz!" Sie machtesich dann auf, ging zum See, und nahm ein wenig Wasser daraus.
Schehersad bemerkte den Tag und schwieg; in der folgenden Nacht fuhr sie fort: