9-1- s i c b r n z c H n l c N a ch t.
Wie sehr es den Prinzen von Karisme auch schmerzte, lebendig begraben zuwerden, so mußte er sich doch der harten Nothwcndigkcit ergeben. Man legte ihn, wie^ sein Weib, auf eine offene Bahre mit einem Brod und einem Krug Wasser und trug sicbeide an den Ort, wo sic begraben werden sollten. Dieses war eine weite unterirdische! Hohle, welche man zu diesem Behuf auf dem Felde gegraben hatte. Zuerst ließ man diePrinzessin mit einem Seile da hinab; darauf thcilten sich Alle, welche dem Leichcnzugegefolgt waren, in zwei Abteilungen, um zu tanzen und zu singen. Die Jünglinge mitihren Geliebten stellten sich auf die eine Seite, auf der andern ordneten sich die Neuver-mählten. Die ersten gaben sich alle die Hände, tanzten im Kreise, bis ein Jüngling ausihrer Mitte folgende persische Verse sang:
„Hier sind dic Fcffel» der Liebe ewige Fesseln; wenn uns der Engel derLiebe an unsre Schönen bindet, schwören wir ihnen Treue bis zum leztenAugenblick, und ans Furcht, unscrn Schwur zu brechen, lassen wir unsmit ihnen begraben."
Die Neuvermählten tanzten paarweise, das heißt, jeder Mann mit seinem Weib,und jedes Weib sang, sobald die Reihe an sie kam, folgende Verse:
„Wenn wir uns, theurcr Gatte, nicht furchten sollen, du vor meinemTode, ich vor deinem, so wollen wir uns beständig lieben, und unsreZärtlichkeit soll so groß sepn, daß wir einander nicht überleben können."
Nach allen diesen Tänzen und Gesängen, an denen der Prinz eben kein Gefallenfand, ließ man ihn in dieselbe unterirdische Höhle hinab, wie sein Weib, und verschloßmit einem großen Fclsstücke jede Oeffnung des Grabes, welches ihn lebendig umfing.
Voll Verzweiflung über seine schauderhafte Lage schrie er: „o mein Gott! inwelches Elend läßt du mich versinken? hast du ein solches Loos einem Fürsten aufbe-wahrt, welcher immer alle Vorschriften des heiligen Korans getreulich hielt? Hast dumich nur auf das Gebet meines Vaters geschaffen, um mich dem grausamsten Todeprciszugcben?" Und so redend, begann er bitterlich zu weinen.
Doch unterließ der Prinz nicht, wenn auch ohne die geringste Hoffnung, aus diesemunseeligen Gcfängniß entfliehen zu können, mit den Händen längs der Mauer, die ihmaufsticß, hinzutappcn. Kaum hatte er hundert Schritte gcthan, als er plötzlich einenLichtschimmer vor sich erblickte. Er beschleunigt seine Schritte und kommt nun dem Scheine^ so nah, daß er bald bemerkt, es sei/ein Weib mit einer Kerze in der Hand.