88 Fünfzehnte U a ch t.
entgegnete der Dieb, „das ist einzig und nie erhört worden. Ich bin wahrlich davongerührt, und da auch ich ungewöhnliche Handlungen zu begehen liebe, so will ich deinerJuwelen, wie deiner Ehre schonen; geh' ruhig deines Weges weiter, ich will ein ebenso außerordentlicher Dieb seyn, als dein Ehemann ein außerordentlicher Mann ist. Eilezu deinem glücklichen Anbeter. Aber ich will dich dahin führen, denn es möchte dir einanderer, nicht so gewöhnlicher Dieb begegnen." Mit diesen Worten nahm er ihre Handund begleitete sic bis an das Haus ihres Geliebten, dann sagte er ihr Lebewohl undentfernte sich. Sie klopft an die Thüre, man öffnet ihr. Sie steigt hinauf zum Gemacheihres Geliebten, er ist ganz erstaunt, sie zu sehen. „O, mein Herr und Geliebter,"sprach sic zu ihm, „ich komme, dir Wort zu halten, heute bin ich verheirathet." — „Undwie," rief der Jüngling aus, „hast du dich der glühenden Ungeduld deines Gcmals zuentziehen vermocht? Jezt, in diesem Augenblicke, müßtest du, glaube ich, in seinen Armenruhen." Da gestand ihm seine Geliebte offenherzig, was zwischen ihr und ihrem Gattenvorgegangen war.
Der Geliebte war darüber nicht minder erstaunt, als der Dieb. „Ist es möglich,Herrin!" sprach er, „daß dein Mann dir erlaubt hat, ein Versprechen zu erfüllen, welchesihn entehrt und ihm ein Gut raubt, das ihm seine Einbildungskraft aufs Reizendsteschildern mußte?" — „Ja, Geliebtester," entgegnete das Weib, „er ist damit zufrieden,daß ich deinen Wünschen mich ergebe, um mein Versprechen zu halten; aber du bist nichtallein meinem Manne für das Gut, welches er dir überläßt, verpflichtet, sondern duverdankst es auch einem Diebe, dem ich auf meinem Wege hierher begegnet bin." Darauferzählte sie ihm, was ihr mit dem Diebe widerfahren war. Das Erstaunen des Geliebtenwurde noch größer. „Darf ich," sprach er, „dem, was ich höre, glauben? Ein Ehemannist so gütig, einen solchen Schritt zu gestatten, ein Dieb ist so großmüthig, daß er dieschönste Gelegenheit, welche der Zufall ihm je bieten kann, nicht benutzen will. Einsolches Abenteuer ist wahrlich neu und verdient wohl ausgeschrieben zu werden. Nochalle kommenden Jahrhunderte werden es bewundern, aber damit die Nachwelt noch mehrerstaune, so will ich den Dieb und deinen Ehemann nachahmen und ihrem Beispielefolgen. Deßhalb, o Herrin, gebe ich dir dein Wort zurück und möge es dir gefallen,zu erlauben, daß ich dich nach Hause geleite." Also redend, reichte er ihr die Hand undgeleitete sie bis an das Haus ihres Mannes, wo sie sich trennten. Die Neuvermähltetrat hinein und ihr Geliebter kehrte in seine Wohnung zurück.
„Sagt mir nun, hohe Fürstensöhne," fuhr der Kadi von Kahira fort, „welchen von denDreien haltet ihr für den Großmüthigsten, den Ehemann, den Dieb oder den Liebhaber?"