tl i c r z c h n t c N a ch t. 65
Am folgenden Morgen ging der Sultan, tief betrübt, statt auf den Platz, wo dieLastträger sich versammeln, ans Ufer des Meeres, über sein Unglück brütend. Aufmerksambetrachtete er den Ort, wohin er so unvermuthet durch die böse Kunst des Scheichsgcrathcu war. Er rief diese unheilvolle und befremdliche Begebenheit in sein Gedächtnißzurück, und konnte sich des Weinens darüber nicht enthalten. Da er seine Abwaschung '„och verrichten mußte, che er betete, so tauchte er ins Wasser nieder, aber wie groß warsein Erstaunen, als er sein Haupt zurückzog und sich wieder in seinem Schlosse sah,mitten in dem Kübel, und umgeben von allen seinen Beamten.
„O grausamer Scheich!" rief er aus, Schahabeddin in derselben Stellung gewah-rend, in der er ihn verlassen hatte, „fürchtest du nicht, daß Gott dich bestrafe, weil du deinenHerrn und Sultan also behandelt hast?" — „Herrscher," sprach der Scheich, „woher kommtder Zorn deiner Hoheit wider mich? so eben hast du dein Haupt in dieses Behältergetaucht und es sogleich wieder zurückgezogen, willst du mir nicht glauben, so fragedeine Beamten, die Zeugen davon sind." — „Ja Herr!" riefen einstimmig die Beamten,„der Scheich redet die Wahrheit." Der König beruhigte sich nicht bei ihrer Aussage.„Ihr seyd Betrüger," schrie er; „seit sieben Jahren hält dieser Scheich, verflucht scy seinName, mich durch die Gewalt seiner Zauberkunst, in fremdem Lande zurück. Ich habe michdort verheirathet, habe sieben Söhne und sieben Töchter erzeugt; doch darüber beklage ichmich nicht so sehr, als daß ich Lastträger gewesen bin. Ha, verdammter Scheich, wiehast du dich entschließen können, mich Lasten tragen zu lassen." — „Wohlan, Herr!"entgcgnete der Scheich, „weil du denn meinen Worten keinen Glauben bcimessen willst,so sollen dich meine Handlungen überzeugen." Mit diesen Worten entkleidete er sich,gürtete seine Lenden mit einem Tuche, stieg in den Kübel und tauchte seinen Kopf unterdas Wasser. Während er mit dem Kopfe unter dem Wasser war, ergriff der Sultan,der noch immer erbittert gegen ihn war und des Eides gedachte, den er geschworen hatte,den Scheich zu strafen, wenn er jemals wieder nach Aegypten käme, einen Säbel, umdem Gelehrten den Kopf abzuhauen, sobald er ihn wieder aus dem Wasser zöge. Aberder Scheich erkannte durch die Wissenschaft, welche Mekaschcfa ^ heißt, die Absicht desSultans, und durch die Kunst, sich unsichtbar zu machen, verschwand er alsbald undwurde nach der Stadt Damaskus versezt. Von dort aus schrieb er dem HerrscherAegyptens einen Brief, welcher also lautete: „O Sultan! wisse, daß wir Beide, du und
' Bekanntlich waschen die Muhammedaner sich den Körper, bevor sie ihr Gebet beginnen.
- Durch die Mekaschefa soll man die geheimsten Gedanken der Menschen errathcn können.
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