Zg Fünst e N a ch t.
„Du sollst eines haben," erwiderte ich, „erzähle nur!" Da sagte er wieder: „Ichhabe eine Tochter, die zaubern kann und Beschwörungen gelernt hat; als ich gesternmit dem Kalbe, das du frei gelassen, nach Hause kam, um es zu den andern jungenStieren zu führen, betrachtete es meine Tochter und weinte und lachte. Ich fragte sie:„Warum weinst und lachst du so?" Und sic antwortete mir: „Dieses Kalb ist derSohn unseres Herrn, des Eigenthümers dieses Viehes, er ist von der Gemalin seinesVaters verzaubert worden, darum lache ich. Weinen muß ich aber über seine Mutter,die sein Vater geschlachtet hat. Ich konnte kaum die Morgenröthe erwarten, um dirdiese gute Nachricht vom Leben deines Kindes zu bringen." — Als ich, o Geist, diesgehört, schrie ich laut und fiel in Ohnmacht. Nachdem ich wieder zu mir gekommenwar, ging ich mit dem Hirten in sein Haus, lief zu meinem Sohne, warf mich überihn her, umarmte ihn und weinte. Er wandte seinen Kopf nach mir, aus seinenAugen flössen Thränen, und er streckte seine Zunge heraus, gleichsam um mich auf seinenZustand aufmerksam zu machen. Als jczt die Tochter des Hirten sich nach mir kehrte,sagte ich zu ihr: „Wenn du ihn wieder vom Zauber befreien kannst, so schenke ich dirmein Vieh und Alles, was ich sonst besitze." Sie beisteuerte mir, daß es ihr wedernach meinem Vieh noch meinem andern Besitzthume gelüste. „Nur unter zwei Be-dingungen," sprach sie, „will ich deinen Sohn befreien: Erstens mußt du mich mit ihmvcrheirathcn, und zweitens mußt du mir erlauben, die zu verzaubern, die ihn in diesenZustand versezt hat, denn sonst werde ich immer ihre Bosheit und ihre Ränke gegen ihn zubefürchten Haben." Ich erwiderte: „Ganz gut, ich gebe dir und meinem Sohne noch meinVermögen obendrein; eben so gestatte ich dir, was die Tochter meines Oheims betrifft, dieso gegen meinen Sohn gehandelt und mich überredet hat, seine Mutter zu schlachten; ichwill sie dir Herdringen, du magst mit ihr verfahren, wie du willst." Sie antwortete:„Ich will ihr nur das zu kosten geben, womit sie Andere speiste." Hierauf füllte sieeine Schüssel mit Wasser, sprach den Zauber darüber, beugte sich dann zu meinem Sohneund sagte: „O du Kalb, bist du ein Geschöpf des Allgewaltigen, Allmächtigen, so bleibeunverändert! bist du aber treulos verzaubert, so verlasse diese Gestalt und nimm mitErlaubniß des Schöpfers der Welt wieder eine menschliche an!" Sie bcsprizte ihn dannmit dem Wasser aus der Schüssel, und er ward wieder ein Mensch wie früher; es dauerteaber nicht lange, da fiel ich ohnmächtig auf ihn hin. Als ich wieder zu mir gekommenwar, erzählte er, was die Tochter meines Oheims, diese Gazelle hier, ihm und seinerMutter gcthan. Ich sagte ihm: „Nun, mein Sohn, Gott hat uns ein Wesen ge-sandt, das für dich, deine Mutter und mich an ihr Rache nehmen wird." Hierauf