12
Ludwig XIV. in seinen letzten Tagen, entweder von Frau v. Mai»,tenon verfuhrt, oder durch seinen Beichtvater gewonnen, die berühm-ten Artikel von UI 82 . welche die Grundpfeiler der Freiheiten dugallikanischcn Kirche sind, mißbilligte. Der Kaiser antwortete mmetwas boshaft, daß er seinerseits gar nichts persönlich dagegen habe,aber der -Ordnung nach doch durchaus mit seinen Bischöfen darübersprechen müsse. Darauf wiederholte der Papst hundertmal, daß dasganz und gar nicht nöchig, daß cs gar keines solchen Aufseherswerth sey. „Ich werde Ihre Unterschrift niemand zeigen, sagte er,eben so wenig als ich jemand die von Ludwig XIV. gezeigt habe.— Aber wenn eS nichts zu sagen hat, ergegnete Napoleon, wopidenn dann noch meine Unterschrift? und wenn es etwas zu bedeutenhat, so muß ich schicklicherweise durchaus meine Doktoren deshalbzu Rathe ziehen."
Um nun nicht hundertmal die Sache abzuschlagen, gab sich end-lich der Kaiser das Ansehn, alS ob er nicht abgeneigt sey. Daeilten aber der Bischof von Nantes und die wahren französischenBischöfe auf der Stelle herbei. „Sie waren wüthend, sagte drrKaiser, und bewachten mich, wie sie Ludwig XIV. auf seinem Tod-bette mögen bewacht haben, damit er nicht Protestant werde. DüHerren von St. Sulpice wurden hcrbcigcrufcn. Dies waren Je-suiten im Kleinen, sie spürten nach, was denn eigentlich mei-ne Meinung, und verlangten weiter nichts zu thun, alS waö ichwollte."
Der Kaiser schloß folgcndcrmaasen„Der Papst hatte michvon der öffentlichen Eommunion dlspcnsirt, und nach diesem seinemEntschlüsse bcurtheile ich die Aufrichtigkeit seines religiösen Glau-bens. Er hatte eine Congrcgation von Cardinälen gehalten, umdas Ceremoniel zu bestimmen. Der größte Thcil hatte fest darausbestanden, daß ich öffentlich communicircn müsse, behauptend, daßdieses Beispiel von großem Einflüsse auf die Völker seyn würde, undich es geben müsse. Der Papst hatte im Gegenthcil, aus Furcht,daß ich diese Handlung nur als einen Artikel des Programms dcSHerrn von Scgur vollziehen würde, nur eine Gotteslästerung daringefunden, und sich standhaft widcrsetzt. Napoleon glaubt vielleichtjezt nicht, hatte er gesagt, aber es wird ohne Zweifel eine Zeitkommen, wo er glauben wird, und bis dahin wollen wir weder seinnoch unser Gewissen belästigen.
„Mit seiner christlichen Milde, denn er ist wirklich ein guter,sanfter und wackrer Mann, hat er nie daran verzweifelt, mich nocheinmal als Büßenden vor seinem Richkcrstuhle zu sehen. Nicht sel-ten hat er diese Hofnung wie diesen Gedanken sich abmerken lassen.Wir sprachen manchmal recht heiter und freundschaftlich zusammen.
!