Druckschrift 
5 (1823)
Entstehung
Seite
137
Einzelbild herunterladen
 

137

X. Unter die verschiedenen Ursachen, denen daS sonderbareBenehmen des Direktoriums bei dieser Gelegenheit beigemessen wurde,haben viele die Scheelsucht gerechnet, womit nicht wenig Personenin Frankreich den großen Ruf Napoleons betrachteten. Sein küh-ner und entschloßner Gang flößte ihnen Besorgnisse wegen der ser-ncrn Entwürfe ein, welche sein Ehrgeiz vielleicht nähren möchte,l Die Proklamation, womit er in Italien die deportirten Priester int Schutz genommen und welche ihm zugleich viele Anhänger in Frank-> reich erworben hatte, seine ehrfurchtsvolle Sprache gegen den Papst,

, seine Weigerung, den heiligen Stuhl umzustürzen, seine dem Kö-nig von Sardinien, so wie den Republiken Genua und VenedigR bewiesene Schonung — alles das hatte den größten Eindruck ge-M macht und oft zu den boshaftesten Auslegungen Anlaß gegeben.

D Als man nun den Sieg am Tagliamento und dessen wichtigeH Folgen, den Uebergang über die norischen Alpen und daß man ausD einem bis jetzt ganz unbekannten Wege nach Teutschlaud einge-A drangen sey, erfuhr, so wurde die Freude der Republik über dieH große Demüthigung unsers unversöhnlichsten Feindes in vieler Au«L gen durch die Furcht vermindert, Napoleon werde, durch seinenM Siegeseinzug in Wien, einen neuen Ruhm erwerben und dann alle» Streitkräste der Republik unter seinem Kommando vereinen. DerR wird dann, sagten sie, die öffentliche Freiheit vor dem Einfluß ei-W ncs so außerordentlichen, so berühmten Mannes retten? Da diei Rheinarmeen im vorigen Jahre geschlagen wurden, werden sie jetztl ihre Siege nur Napoleon verdanken, der Teutschlaud ganz alleinumgangen hat und 15 bis 20 Tage früher als sie in Wien seyn!r wird. Diese beiden Armeen, von denen bereits zwei Divisionen,o welche man ihm zugeschickt hat, den Ruhm der' italiänischen Armee^ theilen, werden auch in gleichem Maaße für den jungen Helden» begeistert seyn und er wird sie insgesammt in seinen Händen ha-K ben. Es kamen mithin viele Ursachen zusammen, die es wün-» schenswerth machten, daß Napoleon behindert werde, nach Wienzu gehen. Dann blieben nämlich nicht allein die drei Heere voneinander getrennt, sondern cS wurde auch eine Art von Eifersucht' unter ihnen erhalten. Diese Ideen mochten, wie es schien, an-r fangs auf den Beschluß des Direktoriums gewirkt haben, aber vondem Augenblick au, da die Nachricht von den glänzenden Siegender italiänischen Armee und deren Vorrücken nach Teutschlaud durch. die Zeitungen und die Berichte des Feindes zu den RhcinarmeenK gelaugte, schämten diese sich selbst ihres Müssigbleibcns und fragtenk laut, ob denn die italiänische Armee alles allein thun solle? Zuk dieser Bewegung unter den Truppen kam die Aufregung in einergroßen Menge von Familien- welche ihre Kinder in der italiänischen