/06 Vierhundert »»d vierundfiinfzigste Nacht.
Leidenschaft holen lassen, cs sind unter deinen Dienern schönere, als er ist, und ichgelüste nach Keinem." — „Und warum hast du ihn umarmt und geküßt?" — „Er istmein Sohn, ein Stück meines Herzens; aus mütterlicher Liebe zu ihm habe ich ih,,umarmt und geküßt." — „Kannst du beweisen, daß er dein Sohn ist? Ich habe dochnoch einen Brief von deinem Onkel, in welchem er mir schreibt, dein Sohn scy geschlachtetworden?" — „Allerdings, aber die Kehle war nicht durchgeschnitten, mein Onkel ließdie Wunde wieder zunähen und meinen Sohn bei sich erziehen, denn seine Todesstunde warnoch nicht gekommen." Als der Kaiser dies hörte, sagte er: „Dieser Beweis genügt
mir." Er ließ sogleich den Prinzen und den Diener holen und untersuchte den Halsdes Prinzen bei dem Scheine einer Wachskerze; da sah er einen Schnitt von einem
Ohre zum Andern, der zwar wieder geschlossen war, doch entdeckte er noch einen Faden,
der sich darüber hinzog. Hierauf fiel der Kaiser vor Gott nieder und dankte ihm, daßer diesen Jungen aus so vielen Gefahren befreit, und freute sich sehr, daß er ihn nichtim Zorne getödtet hatte.
Als der Jüngling diese Erzählung geendet hatte, ließ ihn der König wieder in'sGefängniß zurückführen und sagte zu den Viziercn: „Dieser Junge hat eine schlimmeMeinung von euch; ich weiß indessen, daß ihr mir aus Liebe rathet; seyd daher nurzufrieden; ich werde in Allein euern Rath befolgen. Ich habe nur so lange seinen Tod
verschoben, damit recht viel von der Sache gesprochen werde, nun soll er aber sterben;
errichtet einen Galgen am Ende der Stadt und laßt seine Hinrichtung durch eine»Ausschreier bekannt machen, damit die ganze Stadt sich versammle und mit ihm zumGalgen ziehe. Der Ausschreier soll vor ihm rufen: Das ist der Lohn dessen, den derKönig in seine Nähe gezogen, und der ihn dann verrathen." Die Vizierc freuten sichso sehr über diesen Entschluß des Könige, daß sie die ganze Nacht nicht schlafen konnten;sie ließen die Hinrichtung des Jünglings in der Stadt bekannt machen und einen Galgenerrichten, und des Morgens früh kamen sie vor die Thüre des Palastes und sagten zumKönig: „Es sind schon so viele Leute beisammen, daß sie vom Palaste bis zum
Hinrichtungsplatz alle Straßen füllen, um den Jungen hängen zu sehen."
Als der König den Jungen holen ließ, sagten die Viziere: „Verworfener Mensch,hast du noch Freude am Leben? hoffst du noch Erlösung?" Er antwortete: „O ihr gottloseViziere! kann ein verständiger Mensch aufhören, auf Gott zu vertrauen? soigebeugtauch ein Mensch seyn mag, kann ihn Gott doch aufrichten und mitten im Tode ihm neuesLeben geben; .kennt ihr nicht die Geschichte des Gefangenen, den Gott gerettet?" Alsder König fragte: „Was ist daö für eine Geschichte?" erzählte der Jüngling: