Druckschrift 
2 (1839)
Entstehung
Seite
442
Einzelbild herunterladen
 

Drrihundort und vioruudachtzigsto Nacht.

O du, der Mond und Sonne beschämt! Deine Anmuth hat sich meinesHerzens bemächtigt, das Schwert deiner Blicke dnrchschncidct mein Inneres »ndich weiß ihm nicht z» widerstehen. Ziehe den Bogen deiner Angenbranncnzurück, der mein Herz blutig getroffen! Deine Wangen und dein Wuchs, gleicheinem blühenden Baumzwcige mit schönen Früchten, haben mich verführt, so daßich mich nicht mehr von dir trennen kan». Du hast mich lange gequält und mirschlaflose Nächte verursacht, am öffentlichen Tage wolltest du mich tödtcn! Fernscpcn alle Schmerzen, verbannt die Trennung und stets freudig das Wiedersehen!

O habe Mitleid mit einem Herzen, das, o Geliebter, deinen Schutzanflcht!"

Als sie ihre Verse vollendet hatte, ward ihre Liebe entflamm!, sie vergoß vieleThränen, schmachtete und war außer sich. Er näherte sich ihr und küßte ihre Füße,weinte und hatte Mitleid mit ihr. Sie sprachen dann mit einander, erzählte» sichGeschichten und rccitirten Verse bis zur Afserstunde, als sie an das Weggehen denkenmußten. Die Prinzessin sagte ihm:O Licht meiner Augen und Innerstes meinesHerzens, wann sehen wir uns wieder?" Der Prinz, den diese Worte wie ein Pfeiltrafen, sprach:Bei Gott! ich liebe die Trennung nicht, meine Seele verläßt mich."Die Prinzessin sagte:Bei deiner hohen Anmuth und bei deinem schönen Antlitz! von^ dem Augenblick der Trennung wird der Schlaf mich fliehen und mein Herz in deinerLiebe versunken bleiben." Der Prinz aber ging aus dem Schloß. Er wandte sich nocheinmal um und sah, wie die Prinzessin viele Thränen vergoß; er mußte ebenfalls heftigweinen und sprach folgende Verse:

O Ziel meines Herzens! meine Flamme wird heftiger. O Leben meinerSeele! was ist zu thun? Auch wenn du nicht mit mir bist, erscheint mir deinBild im Traum. Dein Gesicht leitet die im Dunkel» Wandelnden wie derleuchtende Mond, während dein schwarzes Haar der Nacht gleicht. Deine Augenverbreiten das Licht des Tages, wenn sie nach den Edlen unter den MännernHinblicken. Ein Kuß von deinen Lippen ist wie Honig und Moschus und gewährtdie süßesten Freuden. O Haiat Alnnfus! befreie einen Gefesselten undbeglücke ihn mit deiner Erscheinung im Traume!"

Als sie diese Verse hörte, umarmte sie ihn wieder und sagte:Ich schwöre beiDem, der dich durch vollkommene Schönheit ausgezeichnet, daß ich ohne dich in derMitte meiner Diener und Sklavinnen nicht leben kann; ich habe alle Geduld

verloren, mein Herz ist auf heißen Kohlen und es ist mir, als ginge ich in's Grab.Doch die Leute sagen ein Sprichwort: Geduld ist der Schlüssel zur Freude.