Dreihundert und fünfundstebenzigste Nacht. ^09
Die Sklavin holte ihr einen Esel und sie ritt darauf nach dem Laden des Prinzen.Dieser sagte ihr: „O meine Mutter! warum sehe ich dich in diesem Zustande? Dumachst mir bange." Sie versetzte, indem sie ihm ihren Leib und ihre zerrissenenKleider zeigte: „Das Alles habe ich um deinetwillen erlitten." Als er dies hörte undihren zerschlagenen Leib sah, kam er säst von Sinnen und sprach: „O meine Mutter!wer hat dir das gethan?" Sie erzählte ihm die Geschichte von Anfang bis zu Ende.Er ward sehr betrübt darüber und sagte ihr: „O meine Mutter! es thut mir sehrleid, doch geschieht ja Alles nach der Bestimmung des erhabenen Gottes; weißt duaber nicht, meine Mutter, wie es kommt, daß die Prinzessin die Männer haßt?" Sieantwortete: „Wisse, mein Sohn, sie hat einen großen Garten, den größten undschönsten auf der ganzen Erde. Als sie einst in der Nacht schlief, sah sie im Traumeinen Vogelfänger, der sein Netz auswarf und Weizen ausstreute. Nach einer kurzen
Weile versammelten sich die Vögel umher und klaubten die Weizenkörner auf. Da
fiel ein Männchen in das Netz und ward verstrickt, und alle Vögel entflohen; nur einWeibchen, das auch zugegen war, kam gleich wieder zurück und biß so lange mit demSchnabel a» dem Strick, der den Fuß des Männchen fesselte, bis es ihn brach unddadurch das Männchen befreite. Dies Alles geschah, während der Vogelfänger schlief.Als er erwachte, sah er das Netz zerrissen; er flickte es und streute wieder Weizen aus.Nach einer Weile kamen die Vögel wieder, ein Weibchen fiel in's Netz und flatterte;erschrocken entflohen alle übrigen Vögel mit dem Männchen, das nicht zurückkehrte. Nacheiner Weile ward nun das Weibchen gefangen, losgemacht und geschlachtet. Hiererwachte nun die Prinzessin ganz erschrocken und sprach: So verfährt das männlicheGeschlecht mit dem weiblichen! Das Weibchen hat auf Gefahr des eignen Lebens dasMännchen befreit, und als Gott beschlossen hatte, daß jenes falle, hat das Männchenes sterben lassen und ist ihm nicht zu Hülfe gekommen, bis der Vogelfänger es schlachtete.
Gott verdamme Jeden, der auf Männer sich verläßt! Seit jener Zeit haßt sie die
Männer."
Es sagt der Erzähler: Hierauf fragte der Prinz: „Kannst du mich nicht nach jenemGarten bringen? Bei Gott! ich möchte ihm nur so nahe seyn, daß ich einen einzigenBlick auf sie werfen könnte, und wäre es auch mein Tod!" Die Alte erwiderte: „Siekommt jährlich nur einmal in diesen Garten." — „Und wann wird sie ihn besuchen?" —„Wann die Früchte reifen; sonst lebt sie immer in ihrem Schlosse, und geht auch nurdurch eine geheime Thür in diesen Garten, der in der Nähe des Schlosses ist;außer ihrem und ihres Vaters Schlosse hat sie noch nichts in der Welt gesehen. Ich
Tausend und eine Nacht. n
52