Dreihundert und vierundstebeuzigste Nacht. ^05
Als die Prinzessin diese Worte hörte und darüber nachdachte, fand sie, daß dieAlte Recht hatte, und sprach: „Bei Gott! meine Amme, du hast wahr gesprochen; derZorn hatte nur meinen Verstand betäubt und mein Herz verstopft; gelobt sey Gott! daßich meinen Vater nicht getroffen." Die Alte sagte: „Dein Entschluß ist dem erhabenenGott angenehm; ich glaube, wir werden mit diesem Hunde von Kaufmann nicht fertig,bis du ihm schreibst: Du Hund von Kaufmann! bei Gott! hätte ich den König getroffenehe er ausritt, so hingest du jetzt mit allen deinen Nachbarn an der Thüre deinesLadens; doch wird dir dies, bei Gott, nicht fehlen! ich schwöre, daß ich jede Spur vondir von der Erde vertilgen werde, wenn du nicht «blässest. Gib mir dann den Brief,er soll ihn lesen, daß seine Achseln zittern und er aus seinem Schlaf erwache."Da sagte die Prinzessin: „Wird er vor diesen Worten zittern?" — „Und wie sollteer nicht zittern und von seinem Vorhaben abstehen?" Sie schrieb ihm dann folgendeVerse:
„Du knüpfst deine Hoffnung auf unsre Vereinigung und erwartest Gegenliebevon mir. Der Mensch fällt nur durch Selbsttäuschung, sie stürzt ihn in's größteVerderben; du hast keine Kraft, keine Macht, kein Reich, und doch bekehrst dudich nicht. Handelte selbst ein Sultan meines Ranges so wie du, er würdedoch vor der Gefahr zurückschreckcn, denn der Krieg macht grau. Doch ichvergebe dir deine Schuld, vielleicht wirst du nun zu besserer Einsicht gelangen."
Sie warf das Papier der Alten hin und sprach zu ihr: „O meine Amme! halte ihndoch ab von solchen Reden, sey nicht nachgiebig gegen sein Beharren in seiner Schuld."Die Alte sagte: „Bei Gott! ich will ihm keine Seite lassen, auf die er sich umwendenkönnte." Sie ging damit zum Prinzen und gab ihm den Brief. Als er ihn gelesenund verstanden hatte, sprach er: „Ich bin Gottes und kehre zu ihm zurück. O meineMutter! was soll ich thun? mein Herz zerspringt und meine Geduld versiegt." DieAlte sagte: „Laß den Muth nicht sinken! nach dem Einen kommt das Andere. Schreibeihr nur, was du im Sinne hast, so Gott will, bringe ich dir wieder Antwort. Seynur guten Muthes und heitern Blickes! so Gott will, muß ich euch doch noch vereinigen."Er dankte ihr und schrieb folgende Verse:
„Wenn mein Gut nur in der Liebe besteht, wer will mir's rauben? MeinerLiebe Gewalt anthnn, heißt mir den Tod geben. Warum soll ich nicht nach dirverlangen, o höchstes Ziel? Ich trage bei Tag und bei Nacht eine Fcucrflammein meinem Innern, und bete zu dem Gott des Firmaments, daß er mir deineZuneigung verschaffe, denn schmerzlich plagt mich die Liebe!"