910 Zweihundert und siebeuundvierzrgste Nacht.
Die Königin Murdjane aber ging mit Asad in's Schloß und ließ die Fensteröffnen, die auf's Meer gingen; dann befahl sie ihren Sklavinnen, das Essen zu bereiten,und hieß Asad neben sich sitzen. Asad wollte sich dagegen sträuben, indem er sagte:„Solche Ehre gebührt keinem Sklaven." — „Einem Sklaven?" rief die Königin aus;„vor einem Augenblicke noch warst du es, jetzt aber bist du es nimmer. Ich sage dir,laß dich neben mir nieder und erzähle mir deine Geschichte, denn die Verse, die dugeschrieben hast, um mir deine Handschrift zu zeigen, und die Unverschämtheit diesesSklavenhundes bürgen mir dafür, daß sie ganz ungewöhnlich seyn muß// Der PrinzAsad gehorchte ihr, setzte sich neben sie und sagte Folgendes: „Mächtige Königin!
Meine Geschichte ist in der That ungewöhnlich und mehr, als man sich nur denkenkann. Die Uebel, die unglaublichen Martern, welche ich ausgestanden habe, dieTodesart, zu welcher ich ausersehcn war und von der ich durch deine so königliche
Großmuth befreit wurde, werden dir den ganzen Umfang deiner Wohlthat zeigen, welcheich niemals vergessen werde. Ehe ich aber diese schauderhaften Begebenheiten erzähle,mußt du mir gestatten, mit dem Ursprung aller meiner Leiden und Unglücksfälle beginnenzu dürfen." Nach diesem Eingänge, der die Neugierde und die Theilnahme der KöniginMurdjane noch vermehrte, erzählte er ihr von seiner und seines Bruders Amdjadköniglicher Geburt, ihrer gegenseitigen Freundschaft und der verdammungswürdigenLeidenschaft ihrer Stiefmütter, die sich in den glühendsten Haß verwandelte und dieQuelle ihres traurigen Schicksals wurde. Er schilderte dann den Zorn des Königs,
seines Vaters, und die fast einem Wunder gleichende Reise, wie sie ihr Leben retteten,und endlich erzählte er ihr, wie er seinen Bruder verloren habe und in die so langeund so schmerzhafte Gefangenschaft gerathe» war, aus welcher man ihn geführt
hatte, um ihn. auf dem Feuerberge zu opfern.
Als Asad seine Erzählung geendigt hatte, wurde der Haß der Königin Murdjanegegen die Feueranbeter mehr als je entflammt. „Prinz," sagte sie zu ihm, „ob ich gleichdiese Feueranbeter von jeher verabscheut habe, so habe ich sie doch noch viel zu gelindebehandelt; jetzt aber, nach der grausamen dir von ihnen widersahrnen Mißhandlung
und ihrem schändlichen Vorsatze, dich ihrem Feuergott zu opfern, erkläre ich ihnen vonStund an einen unversöhnlichen Krieg." Sie wollte noch mehr über diesen Gegenstandsprechen, aber das Essen wurde aufgetragen und sie setzte sich mit dem Prinzen Asad
zu Tische, bezaubert von seinem Anblick und seinen Reden, und schon von einer Leidenschaft
für ihn erfüllt, die sie ihm bald mittheilen zu können hoffte. „Prinz," sagte sie zu ihm,
„man muß dich zu entschädigen suchen für so langes Fasten und so schlimme Gerichte,