Zweihundert und sechsunddreißigste Nacht. 853
von Müdigkeit, Hunger, Durst und Schlaf, legte er sich nieder, nachdem er sich inGottes Obhut befohlen hatte, und brachte die Nacht am Fuße des Baumes zu.
Am folgenden Morgen erwachte Kamr essaman, noch ehe der Vogel den Baumverlassen hatte; und sobald er ihn wegfliegen sah, beobachtete er ihn und lief ihmwieder den ganzen Tag nach, mit eben so wenig Erfolg, als den vorhergehenden Tag,indem er sich von Kräutern und Früchten nährte, die er auf seinem Wege fand. Undso trieb er es bis zum zehnten Tage.
Endlich am elften Tage gelangte Kamr essaman mit dem Vogel, der immerweiter flog, und den er nicht abließ zu verfolgen, in die Nähe einer großen Stadt.Hier entschwand der Vogel in einem Nu seinen Blicken. Kamr essaman nähertesich den Thoren der Stadt, setzte sich vor denselben nieder, wusch Hände, Füße undGesicht in einer am Wege vorbeifließenden Quelle, ruhte ein wenig aus und dachteüber sein unglückliches Schicksal nach. Nachdem er sich etwas erholt hatte, ging erdurch das zunächstgelegene Thor in die Stadt hinein, welche, wie er jetzt bemerkte, amUfer des Meeres lag. Er wanderte lange durch die Straßen, ohne zu wissen, wohiner sich wenden oder wo er bleiben sollte, und gelangte so an den Hafen. Nochungewisser, was er thun sollte, schleuderte er längs des Ufers hin, und nachdem er anverschiedenen Baumgruppen und Anlagen vorübergewandelt war, blieb er endlich vor-der Thür eines Gartens stehen und schaute hinein. Der Gärtner, ein gutmüthigerGreis, hieß ihn willkommen und sagte: „Gelobt sey Gott, daß du den Bewohnerndieser Stadt glücklich entkommen bist; tritt herein!"
Kamr essaman gehorchte und fragte den Alten: „Wie soll ich mir deinenWillkomm erklären? was ist es denn mit den Leuten dieser Stadt?"
„Wisse, mein Sohn," erwiderte der Alte, „diese Stadt ist von lauter Götzendienernbewohnt, welche alle Muselmänner tödtlich hassen und verfolgen. Ich erkannte dichsogleich für einen Fremden meines Glaubens, und betrachte es als ein Wunder, daß duohne eine üble Begegnung bis hieher gekommen bist. Ruhe dich aus und erzähle mir,welches Schicksal dich zu mir geführt hat."
Kamr essaman erfüllte die Bitte des Gärtners, und fragte ihn dann, welchenWeg er nach dem Reiche seines Vaters zu nehmen hätte. „Denn," fügte er hinzu, „anmeine Rückkehr zu der Prinzessin darf ich nicht mehr denken. Wo sollte ich sie nachelf Tagen, seitdem mich ein so außerordentliches Abenteuer von ihr getrennt hat, wiederfinden? Ja, weiß ich denn, ob sie gar noch auf der Welt ist?" Bei dieser traurigenErinnerung stürzten ihm Thränen aus den Augen.