8A6 Zweihundert und zweiunddreihigste Nacht.
des Prinzen sey. Er äußerte sich darüber nicht gegen den Vezier, sondern verlangtenur, den Kranken zu sehen, um besser beurtheilen zu können, wie ihm zu helfen ftp.
„Folge mir," sagte hierauf der Vezier; „du wirst bei ihm den König treffen, dermir schon angedcutet hat, daß er dich sehen will."
Das Erste, was Marsawan beim Eintritt in das Zimmer auffiel, war der Anblickdes Prinzen in seinem Bette, hinsterbend und mit geschlossenen Augen. Er trat näher,und obwohl der Prinz in solchem Zustande war, so konnte er sich doch nicht enthaltenauszurufen: „Beim Himmel, nichts kann ähnlicher ftpn!"
Der Prinz schlug die Augen auf und sah den Fremden an, und Marsawan benütztediesen Augenblick, um ihn in Versen zu begrüßen, aber auf eine so versteckte Weise, daßweder der König, welcher an seinem Bette saß, noch der Vezier etwas davon verstanden.Seine Worte waren folgende:
„Ich sehe dich kummervoll und vernehme dein Seufzen. Deine Gedankenschwärmen bis zu den äußersten Wolken des Himmels.
„Hat Liebe sich deiner bemächtigt, oder bist du von Pfeilen getroffen? DennAlles, was ich an dir sehe, ist Zeichen eines verwundeten Herzens.
„Hüte dich, an nächtliche Besuche mich zu erinnern: denn schon der Mund,der von ihr spricht, erregt meine Eifersucht.
„Ich beneide ihre Kleider, weil sie ihren zarten Körper umgeben, und denBecher mit Getränk, weil er ihre Lippen berührt.
„Tödtlich bin ich verwundet, doch nicht von der Schneide des Schwertes,sondern von Blicken, die gleich Pfeilen in mich drangen.
„Als wir nach langer Trennung uns wieder sahen, war ich erstaunt: dennich fand ihre Fingerspitzen roth, als wären sie mit dem Safte des Drachenblutesgefärbt.
„Ach, sagte ich zu ihr, wie kannst du deine Hände noch färben, wenn ichferne von dir bi»? Ist das der Lohn für Liebespein und Trennungsschmerz?
„Bei deinem Leben, antwortete sie mir, und ihre Rede schleuderte einenunauslöschlichen Licbcsbrand in mein Herz, das ist nicht Farbe, womit ich meineFinger gefärbt habe; laß dich durch diesen Schein nicht trügen und vermehrenicht deinen Kummer durch falsche Vermuthung;
„Wisse, als ich dich ferne von mir sah, der du mein Alles warst, versiegtenendlich meine Thränen, und Blut entquoll meinen Augen: davon sind meineFinger so roth.
„Leicht hätte ich mich trösten können, wenn ich zuerst geweint hätte; abersie weinte vor mir, und ihre Thränen brachten auch mich zum Weinen.