Druckschrift 
1 (1838)
Entstehung
Seite
823
Einzelbild herunterladen
 

Zweihundert und dreißigste Nacht. 823

Bei Gott! meine Herrin," versetzte die Sklavin,du willst uns sicherlich nur zumVesten haben. Aber spaße nicht: denn nach Muthwillen und Scherz kommt der Tod.Ich bin ein altes Weib und stehe am Rande des Grabes: soll ich noch vor der Zeitsterben?"Du siehst, daß es mir sehr ernst ist," erwiderte Bedur;aber esscheint mir, dn willst meiner spotten. Nimm dich in Acht, verdammte Alte, und sagemir, wo er ist."Aber, Gebieterin," versetzte die Sklavin,du warst doch allein,als wir dich gestern Abend zu Bette brachten, und Niemand ist hereingckommen, sovielwir wissen."

Die Prinzessin von . China verlor die Geduld. Sie ergriff die Alte beim Kopf,warf sie zu Boden und schlug sie, bis sie in Ohnmacht fiel.Du sollst es mir sagen,alte Here," rief sie,oder ich bringe dich um!"

Die Sklavin machte alle Anstrengungen, um sich ihren Händen zu entziehen.Endlich raffte sie sich auf und begab sich sogleich zu der Königin von China, der Mutter

der Prinzessin. Mit Thränen in den Augen und ganz zerbläutem Gesicht erschien

sie vor der Königin, welche sie höchst erstaunt fragte, wer sie in diesen Zustandversetzt habe?

Gebieterin," sagte die Alte,du siehst, wie mich die Prinzessin Bedur zugerichtetz hat; sie hätte mich umgebracht, wenn ich mich nicht ihren Händen entwunden hätte."

Hierauf erzählte sie den ganzen Hergang und fügte zum Schluffe hinzu:Du siehst

hieraus, meine Herrin, daß die Prinzessin den Verstand verloren hat. Du kannst selbstdarüber urtheilen, wenn du dich zu ihr hinbemühst."

Die Königin von China, welche ihre Tochter zärtlich liebte, war über dieseNachricht sehr beunruhigt. Sie ließ sich von der Sklavin begleiten und eilte zu derPrinzessin.

Nachdem sie sich gegenseitig begrüßt hatten, ließ sich die Königin neben ihrer Tochterauf den Divan nieder, erkundigte sich nach ihrem Befinden und fragte sie, welche Ursachesie zur Unzufriedenheit mit der Sklavin hätte, die sie so mißhandelt?

O meine Mutter," antwortete die Prinzessin,ich sehe wohl, daß du mich auchverspotten willst; aber ich erkläre, daß ich eher keine Ruhe haben werde, als bis derliebenswürdige Jüngling, der die verflossene Nacht bei mir geschlafen hat, mein Gemahlist. Du weißt gewiß, wo er ist: ich bitte dich inständig, ihn wieder kommen zu lassen."Zugleich sprach sie, hingerissen von der Erinnerung, folgende Verse eines Dichters:

Ach, wie wunderbar war seine Schönheit! und doch ist Schönheit nur eingeringer Theil seiner Eigenschaften. In allen seinen Bewegungen liegt ein Zauber.