82-1 Lu> ci hundert und dreißigste Nacht.
»Wenn Jemand zu dem Monde sagte: Rühme dich! so würde er sprechen:
Ich verdanke meinen Glanz de» Tulpen seiner Wangen.
«Wie der Punkt im Buchstaben Nun, so erscheint das Mahl ans seinerWange.
„Hat er je Fehler begangen, so möge ihm Gott auch diese als Tugendenanrechncn.
„Ich hörte nicht aus, von der Zeit zu fordern, daß sie mich mit ihmvereinige, und er in meine Nähe komme; allein, sich fern zu halten, scheint ihmeigen zu sepn.
„Ich verzieh dem Schicksal all' seine Ungerechtigkeit, als cs ihn zu mirführte, und warf einen Schleier über all' seine Unbilden.
„In fester Umarmung haben wir die Nacht zugebracht: trunken war ervon meinen Liebkosungen und ich von dem Becher seines Mundes.
„Ich drückte ihn fest an mich, wie ein Geiziger seinen Ncichthum hält, ausFurcht, es möchte mir eine von seinen Schönheiten geraubt werden.
„Ich hielt ihn in meinen Armen, als wäre er eine Gazelle, von der ichbesorgte, sie möchte mir entfliehen."
„Wehe dir, meine Tochter!" erwiderte die Königin, „was sollen diese Reden
bedeuten? Ich kann dich nicht verstehen."
Jetzt vergaß die Prinzessin die der Mutter schuldige Ehrfurcht und brach in dieWorte aus: „Wehe dir, arglistiges Weib, du willst mich nicht verstehen! Der König, meinVater, und du, so lange habt ihr mir zugcsetzt, um mich zur Vermählung zu bewegen,
als ich keine Lust dazu hatte: jetzt ist mir diese Lust gekommen, und ich will durchaus
den Jüngling, von dem ich dir gesagt, zum Gatten haben, oder ich bringe mich um."
Die Königin suchte die Leidenschaftlichkeit ihrer Tochter durch Güte zu entwaffnenund ihr das Hirngespinnst, wofür sie es hielt, auszureden. „Liebe Tochter," sprach sie
zu ihr, „du weißt selber recht wohl, daß du in deinem Gemache allein bist, und kein
Mann zu dir hineinkommen kann." Die Prinzessin aber, anstatt ihre Mutter anzuhören,fiel über sie her, faßte sie bei den Haaren und schlug sie, wobei sie immer wiederholte:„Sage mir, wo mein Geliebter ist!" Unter Thränen und Seufzen rief die Königin: „Esgibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei dem erhabenen Gott!" machte sich mitHülfe der Sklavinnen von Bedur los und eilte fort, um den König, ihren Gemahl,von Allem zu benachrichtigen.
Dieser war eben vom Bett aufgestanden, als die Königin eintrat und ihm inder Kürze erzählte, was ihr widerfahren war. „Stehe auf," schloß sic ihren Bericht,