Druckschrift 
1 (1838)
Entstehung
Seite
785
Einzelbild herunterladen
 

Zweihundert und vieriindzwanzigste Nacht. 785

den Prinzen in Gold und Seide und brachte ihn seinem Vater, der ihn zärtlich aufdie Arme nahm, zwischen die Augen küßte und so schön fand, daß er ihm den NamenKamr essaman (Mond oder Schönheit der Zeit) gab. Dann bestellte man ihmAmmen und Diener, und das Kind wuchs kräftig heran, bis es achtzehn Monate altwar. Jetzt wurde der Knabe entwöhnt, und nachdem er das vierte Jahr zurückgelegthatte, war er das vollkommenste Bild von Schönheit und Anmuth, so daß ein Dichter-folgende Verse auf ihn dichtete:

»Wo er erscheint, spricht man: Gepriesen sep Gott, der ihn geschaffen undgebildet I

Er ist der Fürst unter den Schönsten der Schönen, und Alle müsse»bekennen: Wir sind deine Unterthanen."

Der Prinz Kamr essaman wurde mit aller erdenklichen Sorgfalt erzogen. Alser das siebente Jahr erreicht hatte, gab ihm sein Vater einen weisen Hofmeister undgeschickte Lehrer. Diese hatten bei dem Knaben leichte Arbeit: denn sie fanden in ihmeinen äußerst gelehrigen und fähigen Schüler, und es dauerte nicht lange, so warderselbe mit den ihm beigebrachten Wissenschaften so vertraut, daß er eine Ausnahmeunter den Ausnahmen machte. Zugleich bildeten sich seine Sitten und sein Benehmenso edel und gefällig, wie es nur immer einem Prinzen geziemte. Im reiferen Alter-erlernte er eben so alle Leibesübungen und zeigte dabei so viel Anmuth und sobewundernswürdige Geschicklichkeit, daß er Jedermann und vor Allen den Sultan,seinen Vater, entzückte.

Als der Prinz vierzehn Jahre zählte, hatte sich seine Schönheit im höchsten Gradentwickelt. Seine Locken rollten in frischer Fülle über seine rothen Wangen herunter,deren Glanz durch ein braunes Fleckchen wie ein Ambrakügelchen eher gehoben alsgemindert wurde, so daß folgende Verse auch von ihm galten:

Schlank ist sein Wuchs; seine Haare sind so schwarz und seine Stirn soglänzend weiß, daß die Welt dadurch zugleich i» Dunkelheit gehüllt wird undin Hellem Lichte strahlt.

Mißbilliget aber nicht das Mal auf seiner Wange: hat doch auch dieAnemone schwarze Pünktchen, und ist sie darum minder schön?"

99