Druckschrift 
1 (1838)
Entstehung
Seite
775
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Zweihundert und zwerundzwanzigste Nacht. 775

Der Tod ist mir willkommen mit allen seinen Schrecken: denn meineHoffnung ist von des Lebens Glück abgcschnittcn.

«O Herr, ich flehe zu dir durch den Auscrkorncn, den Verkündiger, denFührer zum Heil, den Inbegriff aller Wissenschaften und den Ausbund derBeredten!

»Um deiner Gnade willen erlöse mich, hebe mich empor aus meinerErniedrigung und wende von mir alle Pein und Klage!"

Nachdem Nureddin geendet hatte, trat Katit zu ihm hinein und kündigte ihman, daß er ihn seinem Feinde, dem Vezier Muin, ausliefern müsse, um zum Todegeführt zu werden. Er hieß ihn die besseren Kleider ablegen, die er ihm bisher ausMitleid gelassen hatte, und führte ihn in einem schmutzigen Armensündergewande heraus.

Als Nureddin vor Muin stand, sagte er zu ihm:Du triumphirest jetzt undmißbrauchst deine Gewalt; aber bist du sicher gegen das Schicksal? Ich vertraue aufdie Wahrheit dessen, was einer unserer Dichter sagt:

»Sie richteten ungerecht; aber nicht lange dauerte ihr Richteramt, baldwar es, als hätten sie nie die Gewalt in Händen gehabt."

Bedenke, daß wir Alle in der Hand Gottes stehen, der thun kann, wie es ihmgefällt."

Der Vezier Muin, welcher allerdings in seinem Innern über die Rache frohlockte,die er nun an seinem Feinde würde ausüben können, sah ihn mit einem verächtlichenBlick an und erwiderte:Unmächtiger Wurm! willst du mir vielleicht mit deiner RedeFurcht einjagen? Geh', ich verzeihe es dir; mag doch geschehen, was da will, wennich dir nur im Angesichte von ganz Bassora den Kopf habe abhauen lassen. Du mußtauch wissen, was ein anderer unserer Dichter gesagt hat:

»Was schadet es, am Tage nach dem Tode seines Feindes zu sterben?"

Hierauf befahl er seinen Dienern, ihn auf den Rücken eines Maulthiers zu bindenund vor ihm herzuführen. So nahm er, umgeben von seinen Mameluken, den Wegnach dem königlichen Palaste. Das Volk war im Begriff, über ihn herzufallen, undwürde ihn gesteinigt haben, wenn Nureddin nicht abgewehrt und die Andringendendurch folgende Strophen besänftigt hätte:

»Mir ist eine Zeit bestimmt, die ich gewiß erreiche, und diese Bestimmungist längst beschlossen und gesiegelt.

Ist diese Zeit vorüber, so muß ich sterben.