Zweihundert und zweiundzwanzigfte Nacht. 771
Nachdem sich die in aller Eile Herbeigerufenen versammelt hatten, eröffnete ihnen derKönig, daß er ein Handschreiben von Harun Arraschid, dem Beherrscher der Gläubigen,erhalten habe, worin ihm dieser befehle, die Königswürde niederzulegen und demUeberbringer des Briefes zu übertragen. Dabei zeigle er mit der Hand auf Nureddin,welcher seitwärts an den Stufen des Thrones stand.
Der Bezier Muin, welcher sich unter der Versammlung befand, wollte seinenAugen und Ohren nicht trauen, als er Nureddin sah und hörte, daß er König werdensolle. Da er bei einer solchen Veränderung im höchsten Grade betheiligt war, so sanner sogleich auf ein Mittel, dieselbe zu Hintertreiben. Er trat an den Thron, warf sichvor dem König nieder und sprach: „Mein Herr! ist es deinem treuen Diener erlaubt,zu fragen, ob du dich auch von der Echtheit des Schreibens überzeugt hast?" DerKönig gab ihm den Brief und sagte: „Da, lies selbst." Kaum hatte ihn der Veziergelesen, so zerriß er ihn in Fetzen, steckte diese in den Mund, kaute sie und spie siewieder aus. Als der König dies sah, rief er ihm voll Zorn und Schrecken zu: „Wasist das, Muin? Wie kommst du dazu, so eigenmächtig zu verfahren?" — „Mein Herrund König!" antwortete Muin, „verzeihe mir, wenn ich die Achtung vor dir so weitaus den Augen setzte, daß ich mich vom Unwillen über diesen nichtswürdigen Betrügerzu dem hinreißen ließ, was ich gcthan habe. Aber wer ist immer Meister über sichselbst, besonders wenn er sicht, daß sein Herr und Gebieter auf eine schändliche Weisehintergangen werden soll? Wisse, sobald ich den Brief gelesen hatte, den du mir gabst,erkannte ich sogleich, daß er nicht vom Chalifcn, sondern falsch und nachgemacht war.Erinnerst du dich nicht mehr, welche Ränke jener Bube dort gegen dich und michgebraucht hat, ehe er aus der Stadt verschwand? Und jetzt kommt er auf Einmalwieder zum Vorschein und bringt einen Brief, den er vom Chalifcn erhalten haben will?Welch dummer und frecher Betrug! Nureddin ist niemals mit dem erhabenen Beherrscherder Gläubigen, nicht einmal mit einem seiner Veziere zusammengekommen. Vielleichthat er irgend etwas vom Chalifcn Geschriebenes gefunden und sich unterstanden, seineHandschrift nachzuahm en. Schon das ist ein todeswürdiges Verbrechen. Aber ein
noch weit größeres ist die Absicht, in welcher er dies gethan hat. Denn was will er?Nichts Geringeres, als dich vom Throne stoßen und sich selbst darauf setzen! Und duhast dem erdichteten Befehle gehorchen wollen? Bedenke doch: der Ueberbringer hatkeinen Chat Scherif, keinen Firman. Wie kannst du glauben, daß der Chalif so mirnichts dir nichts einem König die Negierung abnchmen und sie einem Bettler übertragenwerde? Nein, nein, nein! Wäre dem so, er hätte gewiß einen besonder» Boten mit