Zweihundert »nd zwanzigste Nacht. 755
„Es brächte euch wahrlich keinen Ruhm, wenn ihr diejenigen crnwrvc»wolltet, welche unter euer Dach' sich geflüchtet haben: darum werde: nichtschadenfroh über uns."
Diese rührenden Strophen sang die schöne Perserin mit solcher Kunst und Vollendung,daß der Chalif ganz davon bezaubert wurde. Nachdem Alles still geworden war, schienein schneller Entschluß in ihm aufzusteigen: denn er machte sich auf und kletterte denBaum hinunter. Djafar folgte.
Unten angekommen, bemerkte der Großvezier, daß die Wolke von des ChalifenStirn verschwunden war. Diese Entdeckung Verursachte ihm große Freude und ermuthigteihn zu der Frage, wie ihm das Lied gefallen habe. „Zeit meines Lebens," antworteteHarun Arraschid, „habe ich keine schönere Stimme, noch besser die Laute spielengehört: Jshak, den ich bisher für den geschicktesten Lautenspielcr auf der Welt hielt,kommt ihr nicht gleich. Es wollte mich verdrießen, als sie sein Instrument in dieHand nahm; nun aber ist er nicht mehr werth, eö zu berühren." — „Also ist deinZorn vorüber, und du bist zufrieden?" fragte Djafar. — „Mein Zorn ist nicht nurvorüber, sondern ich bin auch so wohl zufrieden, daß ich in den Saal hinaufgehen will,
um das Mädchen in der Nähe spielen und singen zu hören. Es fragt sich nur, wie ich
dies anstelle» soll."
„Beherrscher der Gläubigen!" erwiderte der Großvezier, neuerdings vor der Gefahrerschreckend, daß sein Betrug entdeckt werden könnte, „wenn du hinaufgehst, wirst du siestören und somit deinen Zweck verfehlen. Und Scheich Ibrahim? Wenn er dich
erkennt, so ist er vor Schrecken des Todes." — „Das ist es auch, was ich besorge,"
versetzte der Chalif; „und es sollte mir leid thun, die Ursache seines Todes zu sepn,nachdem er mir so lange gedient hat. Wir müssen daher verhüten, daß er micherkenne, und es soll deine Aufgabe sepn, eine List zu ersinnen, welche mir die Erreichungmeiner Absicht möglich macht, ohne daß das Vergnügen der guten Leute gestört wird."
Dieser Auftrag legte eine neue Last aus Djafars Herz, und er entfernte sichstillschweigend in das Dunkel des Gebüsches, um darüber nachzudenken. Unvermerktkam er in die Nähe eines Teiches im Garten, in welchen der Chalif Wasser aus demvorbeifließenden Tigris hatte leiten lassen. Die besten Fische aus dem Fluß hatten sichhier hineingezogen. Die Fischer wußten dies wohl und hätten gerne darin gefischt; aberschon früher einmal war der Chalif dadurch gestört worden und hatte ScheichIbrahim gefragt, was für ein Lärmen unter den Fenstern des Saales sep. Als erhörte, daß er von den Fischern herrühre, hatte er ausdrücklich verboten, Jemanden in