734 Zweihundert und achtzehnte Nacht.
Zeit lang zwischen den Gärten umhergeirrt waren, kamen wir hieher, und da es bereitsdunkelte, beschlossen wir, die Nacht bis morgen hier zuzubringen."
„Ihr würdet euch hier schlecht befinden," versetzte Scheich Ibrahim. „Ich habe!nicht vergessen, mein Sohn, daß der Prophet (Gottes Friede sey mit ihm!) geboten!hat, Fremden Achtung und Ehre zu erweisen. Kommt herein, ich will euch ein bequemeres!Nachtlager geben. Bis es bereitet ist, könnt ihr ein wenig im Garten lustwandeln und ^euch an dem Anblick desselben ergötzen, solang es noch dämmert."
„Und wem gehört dieser Garten, dessen Schönheit ich schon von außen bewunderthabe?" fragte Nureddin.
„Mir gehört er," antwortete Ibrahim, um sie nicht zu beunruhigen und dadurchvom Eintritt abzuhalten, daß er die Wahrheit sagte; „es ist ein Erbtheil meiner Väter.Kommt nur herein: es wird euch nicht gereuen, ihn zu sehen." ^
Nureddin stand auf und ergriff die Hand der schönen Perserin, welche über dem!Gespräch erwacht und erschrocken auf ihre Füße gesprungen war. Er sprach ihr Muthein und wendete sich dann wieder zu Ibrahim, dem er für seine Höflichkeit dankteund sich bereit erklärte, seiner Einladung zu folgen. Ibrahim öffnete die Thür, und! sie traten in den Garten. Nachdem Ibrahim wieder geschlossen hatte, ging er langsamvoran, um den Fremden Zeit zu lassen, die Schönheiten der Anlage zu bewundern.
Nureddin hatte zu Bassora viel schöne Gärten gesehen, aber in seinem ganzenLeben noch keinen, der diesem zu vergleichen gewesen wäre. Den Eingang bildete einGewölbe, hoch und weit, wie ein Saal, und über und über mit schattenden Reben bedeckt.Die Thürschwellen waren von edlem Gestein mit bunten glänzenden Farben. Als sie andie Baumgruppen, Staudcngewächse und Blumenbeete kamen, fanden sic doppelte undeinfache Dattelpalmen, mit süßen Früchten beladen, Mandelbäume, hinter üppigem Grün! die schmackhaften, aber unscheinbaren Kerne verbergend, Aprikosen gleich den Wangeneines schönen Mädchens, Orangen gleich goldnen Pokalen, Kirschen, schwarz und roth, ^zu ganzen Büscheln zwischen dem Laube hindurchschimmernd, und Feigen, roth undweiß, ihre Süßigkeit dem Beschauer wie mit Händen entgegcnstreckeud. Auf allen diesen! und noch vielen andern Bäumen zwitscherten schön gefiederte Vögel. In der Höhe ließdie Turteltaube ihr wohlwollendes Girren vernehmen, und im Schatten des dichteren ^Laubwerks verscheuchte die Nachtigall jeden Kummer mit ihrem lieblichen Liede. Lautund kühn erscholl der Gesang der männlichen Vögel, während die Weibchen zirpten undklagten, wie schmachtende Mädchen. Niedriger am Boden glänzte die Rose, roth wieRubin, und daö Veilchen glühte dem Aug' entgegen wie Schwefel, den man an's Feuer!