Zweihundert und vierte Nacht. 657
Der Juwelier, dem Scheins Unnahars Tod bis jetzt verborgen geblieben war,rief mit gramersiillter Seele aus: „Also Schems Unnahar ist auch todt!" — „Sieist todt," wiederholte die Vertraute mit feierlichem Tone; „um sie traure und weine ich." —„Erzähle mir den Verlauf der Geschichte Schems Unnahars, wie sie sich zugetragenvon da an, als sie der Chalif zu sich gerufen hatte," bat der Juwelier die Vertraute.„Gerne will ich deinem Wunsche entsprechen und dir alle einzelne Umstände bis! zu ihrem Tode mittheilen; vorher mußt du mir jedoch die Begebenheiten von eureri Flucht bis zu Ali's Tode erzählen." Der Juwelier entsprach dem Wunsche der! Vertrauten und schilderte ihr Alles bis zur Abreise von Ali's Mutter, um seinen! Leichnam abzuholcn.
! Nun begann die Vertraute: „Vernehme denn die Geschichte des Todes der SchemsUnnahar. Wie ich dir schon erzählt habe, hatte der Fürst der Gläubigen SchemsUnnahar zu sich nach seinem Palaste bringen lassen und es unterlag keinem Zweifel,
^ daß der Chalif das Liebesverhältniß zwischen Schems Unnahar und Ali durch die^ entsprungene Sklavin bereits erfahren hatte. Aber, anstatt aus Eifersucht und Rachbegierdej in Zorn und Wuth zu gerathen, wie zu erwarten war, ergriff er nicht einmal Maßregeln,i Ali zu verfolge». Ohne ihr den mindesten Vorwurf zu machen, empfing er sie mit! freundlichem Entgegenkommen, und nur als er Schwermuth und tiefe Trauer auf ihren:l Antlitz sah, sprach er mit gütiger, aber betrübter Stimme: „Schems Unnahar, du^ weißt, mit welcher Inbrunst ich dich liebe, wie ich dich vor allen übrigen Frauen durchBeweise meiner Verehrung auszeichne. Unverändert liebe ich dich mit der ganzen Kraftmeines Herzens und werde dich lieben, trotz aller Verleumdungen, die mir von deinenFeinden zu Ohren gekommen. Dagegen erwarte ich auch von dir, daß du den an deinerblühenden Gesundheit nagenden Kummer unterdrückest, damit deine Stirne, auf derimmer die lebendige Freude thronte, und die Wangen, die der persischen Rose glichen,nicht länger von Gram abgehärmt werden. Lasse in Heller Klarheit deinen Geist wiederunter den Uebrigen deines Geschlechtes glänzen und unterhalte mich heute Abend wie sonst."So sprach er noch lange zu ihr. Hierauf führte er sie in eines seiner Prunkgemächer,wo er sie ihn heute Abend zu erwarten bat. Alles dieses wirkte mit furchtbarer Gewaltauf das empfängliche Gemüth Schems Unnahars. Tiefgefühlte Dankbarkeit und dieunvertilgbare Neigung zu Ali kämpften einen schweren Kampf in ihrem Innern,ohne daß sie zu einem entscheidenden Entschlüsse gelangen konnte. Sie fühlte wohl, daßsie nun für immer von Ali, ohne den sie nimmer leben konnte, getrennt werden sollte.Dies brach ihr Herz.
8 »