666
Drittes Kapitel. Personenrechtliche Gemeinschaften.
liehen Ganerbschaften 10 ; im hohen Adel die Erbverbrüderungen * 11 ; imBürgerstande Arbeits- und Erwerbsgesellschaften 12 , die Handelsgesell-schaft 13 , die Rhederei 14 . Dazu kam, dafs sich das Lehnrecht dergesainmten Hand bemächtigte und in der Belehnung zur gesammtenHand eine Rechtsform schuf, bei der die Herstellung einer personen-rechtlichen Gemeinschaft durch eine rechtsgeschäftliche Handlung desLehnsherrn vermittelt wurde 18 .
— Im alamann. u. bäyr. R. heifsen sie auch Zusammentheilungen, im burguncl. R.indivisions oder raffrarachements (Verbrüderungen). Im Ganzen wahrten sie denalten familienrechtlichen Typus; allein sie konnten nicht nur vertragsmäfsig ge-regelt, sondern auch unter Fremden eingegangen werden (Huber a. a. 0. S. 251u. 252 Anm. 33, Grimm, W. I 297).
10 Wippermann, Ueber Ganerbschaften, Wiesb. 1873; Beseler, Erbv. I81 ff.; Gierke, Genossenschaftsr. I 425 ff., II 934 Amu. 11 u. III 719 Anm. 77(mit Nachweis der älteren Litt.); Heusler I 232 ff.; unten Buch III Abschn. II. — Beider Ganerbschaft erschien der „Burgfriede“ als vertragsmäfsige Grundlage der Ge-meinschaft und namentlich ihrer Untheilbarkeit. Der Zusammentritt Fremder zuGanerbschaften kommt schon seit dem 13. Jahrli. vor; Wippermann S. 7 ff.
11 Ileusler I 234 ff.; Näheres unten Abschn. V. — Dafs die Erbverbrüderungenursprünglich nicht Erbverträge, sondern Gemeinschaften zur gesammten Ilandwaren, wird heute nicht mehr bestritten; zum Beweise genügen die Stellen b.Kraut § 156.
12 Den Ursprung der Gewerbegemeinschaft aus der Ganerbschaft zeigt deutlichSachsensp. I Art. 12. Vgl. M. Weber, Zur Geschichte der Handelsgesellschaftenim Mittelalter, Stuttg. 1889, S. 44 ff.; iusbes. über Handelsgesellschaften S. 53 ff.
13 Vgl. Kuntze a. a. 0. S. 208 ff.; Lästig, Z. f. d. g. II.R. XXIV 387 ff.;Gierke a. a. 0. III 424 Anm. 22; F. G. A. Schmidt, Handelsgesellschaften inden deutschen Stadtsrechtsq. des M.A., Bresl. 1883 (Unters, z. D. St. u. R.G.H.XV); M. Weber a. a. 0. (vor. Anm.); Behrend, II.R. § 63; Cosack, II.R.§ 83 a. E. Dazu Gold Schmidt, Iiandb. I, 1, 1 S. 271 ff., der aber den Ursprungder offenen Handelsgesellschaft aus der Hausgemeinschaft nicht für erwiesen hältund gegen die Anknüpfung an die gesammte Hand sich ablehnend verhält. FernerK. Adler, Zur Entwicklungslehre und Dogmatik des Gesellschaftsrechts, Berlin1895, S. 30 ff., der Alles aus Schulden- und Exekutionsrecht herleitet.
u Gierke a. a. 0. I 967; Goldschmidt a. a. 0. S. 340ff. Auf eine An-knüpfung an das familienrechtliche Band deutet der Ausdruck „Schiffsfreunde“. —Andere Arbeits- und Enverbsgesellschaften, deren Formation auf ganerbscliaftlichenUrsprung oder doch auf vorbildliche Einwirkung der Gemeinschaft zur gesammtenHand hinweist, entwickelten sich durch den Hinzutritt einer körperschaftlichen(gildemäfsigen) Verfassung zu Genossenschaften (und zwar mit Hinneigung zu ver-mögensgenossenschaftlicher Struktur); so die Mühlenerbschaften (Gierke a. a. 0.S. 968 ff.), die Gewerkschaften (Opet, Z. f. Bergr. XXXIV 218 ff.), die Sälzer-genossenschaften (vgl. über die Erbsälzer zu Werl Schröder, Z. f. R.G. X258 ff.), zuletzt auch die Aktiengesellschaften.
16 Homeyer, Sachsenspiegel II, 2 S. 457 ff.; Näheres unten Buch IIIAbschn. I. Ursprünglich ist freilich die Belehnung zur gesammten Hand auf Brüderoder andere Verwandte berechnet; sie kann aber auch Fremde vereinigen.