§71. Die alte Markgemeinde.
577
daher und blieb in niannichfachem Wandel ihres äufseren und innerenBaues eine Markgemeinde.
II. Wese n. Das Wesen der Markgemeinde wird durch dreiMerkmale bestimmt.
1. Sie erfüllt gleichzeitig den doppelten Beruf eines ört-lichen Gemein we sens und einer ländlichen Wirthschafts-genossenschaft. Mit der Eigenschaft eines politisch-sozialen Ge-bietskörpers im Sinne der heutigen Gemeinde verbindet sie die Eigen-schaft einer vermögensrechtlichen Vereinigung im Sinne einer agrari-schen Produktivgenossenschaft. Untrennbar sind darum in ihr auchöffentliches und Privatrecht verwoben.
2. Das Band, das sie zusammenhält, ist zugleich Personen-Vereinigung und Markgemeinschaft. Ursprünglich war dieMarkgemeinschaft Ausflufs einer vor ihr gegebenen persönlichen Ver-bundenheit gewesen. Allmählich kehrte sich mit der Verdinglichungder Gemeinde das Verhältnifs um, so dafs nun die Markgemeinschaftals Grundlage des Genossenbandes erschien. Doch hat die persönlicheSeite der Verbindung ihre selbständige Bedeutung nie ganz eingebüfst.
3. In der Markgemeinde herrscht die genossenschaft-liche Ordnung. Die Mark ist zwischen Gemeinde und Einzelnedergestalt vertheilt, dafs einheitliches Gesammtrecht und mitglied-schaftliehe Sonderrechte an ihr einander zugleich begrenzen und er-gänzen. Dabei waltet der alte Genossenschaftsbegriff, dem eine Unter-scheidung der Gesammtheit als Einheit von der zusammengefafstenVielheit der Genossen noch fremd ist. Die Grenzen zwischen Ge-
Wetterau I 1867, II 1 1874, II 2 1885; Gesch. des deut. Privatr. S. 69 ff. u. 403 ff.—G. L. v. Maurer, Einleitung zur Geschickte der Mark-, Hof-, Dorf- u. Stadtver-fassung u. der öff. Gewalt, Münch. 1854; Geschichte der Markenverfassung in Deut.,Erl. 1856; Geschichte der Fronhöfe, der Bauernhöfe u. der Ilofverfassung in Deut.,4 Bde., Erl. 1862; Geschichte der Dorfverfassung in Deut., 2 Bde., Erl. 1866;Geschichte der Städteverfassung in I)eut., 4 Bde., Erl. 1869—1871. — G. Landau,Die Territorien, Hamb. u. Gotha 1854. — Bluntschli, Staats- u. Recktsgesch.v. Zürich I 257 ff., II 53 ff'. Bl um er, Recktsgesch. der Schweiz. Demokr. I 17 ff.,376 ff v. Wyfs, Z. f. Schweiz. R. I 20 ff. A. Heusler ih. X 44 ff A. v.Miaskowski, Die Agrar-, Alpen- u. Forstverfassung der deut. Schweiz in ihrergeschieht!. Entwickl., Basel 1878; Die schweizer. Allmend in ihrer gesckichtl.Entwickl. vom 13. Jahrh. bis zur Gegenwart, Leipz. 1879. Huber, Schweiz.P.R. IV 261 ff, 769 ff — Renaud, Z. f. D. R. IX 1 ff. Römer ib. XIII 94 ffWeiske, Trakt. Unters. III 174 ff. — Gierkc, Genossensckaftsr. I § 7—9, 13—15,21, 24, 29—30, 34, 53, II § 8 ff. u. 26. Heusler, Inst. I § 56 ff, II § 88.Stobbe, D. P.R. I § 55. Brunner, R.G. I 56 ff u. 196 ff Schröder, Z. f.R.G. XV 49 ff, Forsch, z. D. G. XIX 144 ff, R.G. § 10, 28 u. 41 (hier die um-fassendsten weiteren Litteraturnachweise).
Binding, Handbuch. II. 8. I: Gierke, Deutsches Privatrecht. I.
37