544 Buch III. Fünftes Hauptstück.
Der Abend kam, es wurde kühl. Auf Anrathcn derMutter Grete, einer sehr gebildeten und merkwürdigen Frau,welche die Hebammenkunst auf einer Universität förmlich er-lernt hatte, gewissermaßen als Haushofmeisterin angesehnwurde und in großem Ansehn stand, wickelte sich die Fürstinin den Pelz, den ihr die Stadt geschenkt hatte, und sagte:„recht so, Mutter, der Fuchskoller soll mich gedoppelt war-men, denn er ist mit der Stadt Liebe gefuttert." Sie freuetesich, wie in Berlin der schöne Pelz und die übrigen Kleiderviel Gaffens und Neids machen würden.
Im folgenden Jahre, noch sehr schwach von einer Zwil-lingsgeburt, hielt sie doch des wackern Rothgärbers Töchter-chen unter herzlichem Gebete selbst zur Laufe. Sie glaubteihrem Ende nahe zu sein und bat den ehrlichen Mann, wennauch ihr Gemahl vor ihres Görgel Mündigkeit sterben sollte,dem Prinzen das Herz bei der Bürgerschaft zu bewahren, da-mit sic ihm, wenn er zu seinen Jahren käme, mit Treue undLiebe anhingcn, wofür Gott sie und die Ihrigen segnen würde.Bald daraus entsteht allgemeine Bcsorgniß um das Leben dergeliebten Fürstin. Es hieß gar, sie sei schon verschieden; daist die ganze Stadt in Trauer, das Volk läuft auf's Schloß,hört, sie lebe noch. Alle eilen zur Kirche, schlagen an dieGlocken und der Pfarrer muß ohne Vorbereitung predigenüber: wohl dem, deß Hoffnung auf dem Herrn seinem Gottsteht. Als sie hergestellt ist (1. Mai 1614), fährt sie ganz' unerwartet durch die Stadt. Die Einwohner stürzen aus denHäusern, das Jauchzen Aller begleitet sie, die Kinder ent-laufen eilig der Schule, die Knaben steigen auf die Linden-bäume, brechen Zweige ab und zieren mit dem jungen Grüwdes Mai den Wagen, die Pferde; sie wollen die Fürstin selbstziehn, was sic verwehrt, damit kein Unglück entstehe. DieGlocken ertönen feierlich und sie dankt überall so freundlich,so herzlich, grüßt Alle und wirft den ihr bekannten FrauenKüsse mit der Hand zu. Ihr Gemahl kommt überrascht vomSchlosse dazu, und der Jubel ist vollständig.
Die Herzogin war aber nicht nur freundlich, wohlwol-lend, herablassend und liebenswürdig, sie war auch eine Frauvon Hellem Geiste und übertraf an Aufklärung und Einsicht