Die Reformation bis zum Religionskriege. 275
kungcn waren, welche mit ihnen sich zeigen, und die Ursachenselbst tiefer liegen. Bei weltgeschichtlichen Ereignissen, vondenen die Reformation eines ist, hat kein einzelner Menschallein das Recht, unsere Aufmerksamkeit ausschliesslich in An-spruch zu nehmen. Nicht von dem Stocken der Pulse EinesMannes hangt die Entwickelung des menschlichen Geschlechtsallein ab. Sie selbst sind nur die Organe und Vertreter desallgemeinen Zeitgeistes oder der verbreiteten Ideen und Mei-nungen, unter denen sic selbst erwuchsen. Sie stehn nur wiesichtbare Zeichen auf der Masse, welche die Grundlage ihrerMacht ist. Die erhabenen Geister, welche uns in ihrer Wirk-samkeit so unermeßlich groß erscheinen, gleichen im Verhält-nisse zur Menschheit jenen Riesenbergcn, die sich vor unfernBlicken in die Wolken erheben, in ihrem Verhältnisse zurOberfläche der Erde sind sie kaum bemerkbar.
Es hat sich uns bereits öfter die Betrachtung des na-türlichen Vcrfälls aller menschlichen Einrichtungen dargcboten,und nun sehen wir, daß es der Kirche wie den übrigen ging.Wir können nicht die Absicht haben, hier mehr als die allge-meinen Ursachen der Reformation anzudeuten und deren Bezugauf unsere Länder sestzuhalten.
So verschiedenartig über die Wirkungen der Reformationund die Absichten ihrer Begründer und Beförderer gedachtwerden mag, so kann über die entwürdigende Lage der Kircheseit mehr als hundert Jahren vor diesem Ereignisse und überdie Nothwcndigkeit einer durchgreifenden Reform kein Zweifelerhoben werden. Wenn Päpste selbst schamlos genug waren,nicht etwa nur ihren Lüsten sich hinzugcbcn, ihre kirchlicheMacht zu Befriedigung ihrer persönlichen Leidenschaften zu mis-brauchcn, und ihre förmlich anerkannten Kinder zu den höch-sten Würden zu erheben und mit Reichthümcrn zu überhäu-fen, sondern dies mit der unerhörtesten Frechheit, die allenGlauben übersteigt, öffentlich zu thun, ja stolz darauf zu sein,wie sollten die Cardinälc, wie die übrigen Geistlichen Zurück-bleiben? Der römische Stuhl war lange vor der Reforma-tion bei den höhern Ständen durchgehends wegen Bestechlich-keit so bekannt, daß sich ihm die Fürsten in Staatsangelegen-heiten oft nicht mehr anvertrauen wollten, wie das sogar der
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