274 Buch III. Erstes Hauptstück.
weltliche Macht in denselben verwickelt, und auch die Religions-bcwegung der neuen Zeit musste ihre Märtyrer haben ').
Zu allen Zeiten hat sich die Natur der Menschen, ihrerursprünglichen Grundlage gemäß, wie es scheint, in religiöserHinsicht unter zwei Formen dargestcllt. Die Einen strebendanach, sich eine bestimmte vernünftige Rechenschaft von demwas sie wissen können, und von dem was sie aus Vernunft-gründen glauben müssen, zu geben; die Andern, übcrhoben jenemStreben, das sie für frevelhaft halten, folgen einem dunkelnZuge ihres sittlichen oder religiösen Gefühls und glauben, ebenweil sie glauben und ehrlich auch nicht anders können. Esist vergebens, hier an eine Vereinigung zu denken, die auchganz unnöthig ist, sobald sich der Glaube für das Leben aufdie Lehre des Heilandes stützt, auf das Eine Gebot: liebt euchunter einander!
So betrachtet, verliert die Verschiedenheit der Glaubensbe-kenntnisse ihren Einfluß auf den Geschichtsforscher; er gewinnteinen festen Standpunct, von dem aus er die Handlungen derMenschen, ohne persönliche Feindseligkeit, ohne Partei zu wer-den, darstellen und selbst würdigen kann.
Es kann Nichts thörichter sein als die noch täglich wieder-holte Behauptung, unbedeutende oder gar sogenannte zufälligeUrsachen hätten große Wirkungen hervorgcbracht. So oftdieses in der Geschichte stattzuhaben scheint, ist entweder dieUrsache selbst oder ihre Wirkung nicht gehörig im Zusammen-hänge begriffen, oder, was ziemlich eben so viel heisst, denkleinen Ursachen sind große Wirkungen beigemeffen worden,weil man die wahren Gründe derselben nicht fand. In dermoralischen wie in der physischen Welt stehn Ursachen undWirkungen im genauesten Verhältnisse zu einander, nur sindunsere Augen, welche die Wirkungen sehn, meistens zu schwach,um das Dunkel der Ursachen zu durchdringen. Dann ist esfreilich leichter, sich an einzelne Erscheinungen zu halten, welcheauffallend hervortrcten, und diese für Ursachen zu nehmen,während sie selbst nur die nächste Veranlassung zu den Wir-
1) Größtenteils Ideen Manso's in seiner Geschichte der Ost-gothcn.