Innerer Verfall des Ordens. 137
er mit deren Gesandten thun? oder gar, wenn, wie das nichtselten geschah, die Fürsten selbst ihn besuchten? Wurde ander Tafel des Meisters so hoch gelebt, so konnte das nichtohne Einfluß auf die Gcbictiger, die Ritter und den ganzenOrden bleiben. Wie sollte das Gelübde der Armuth und Keusch-heit noch streng gehalten werden, wenn der rauhe, kräftigeKrieger durch das Feuer südlicher Weine erhitzt wurde? Die-ses führte zu Ausschweifungen jeder Art und gab zum Stre-ben nach Bereicherungen und Druck der Unterthancn mannich-fache Veranlassung. Man hörte, wahrend die Ritter speistenund tranken, sagt ein Chronist, der ihre vormalige Zucht rühmt,nichts anders denn von schönen Frauen und guten Pferden.So mochten auch unnatürliche Laster nicht fremd sein. Esgehörte doch viel dazu, daß der Orden einen Johann von Hohn-horst zum Landmeister von Livland bestellte, dem in Gegen-wart des Bischofs von Kurland und mehrerer Komthure un-bescholtene, rechtliche Männer bewiesen, daß er des Diebstahlsbereits förmlich von den Brüdern überführt worden sei. Sowaren am Ende die Gelübde nur noch leere Worte. Die Rit-ter sollten keusch, arm und ihren Oberen gehorsam sein: siewaren lüderlich, reich und rebellisch gegen ihre Vorgesetzten.Wenn so der Wurm ansing den Ordenskern tiefer zu durch-frcsscn, so wurde die Grundlage seiner Macht auf einer an-dern Seite erschüttert, von der es ebenfalls kaum bemcrklichwar, weil es nach und nach geschah.
Die wahre Grundlage aller Staatsmacht besteht in derinnigen Vereinigung zwischen denen, die gebieten, und denen,die gehorchen. Wenn sich Beider Verhältnisse gegen einanderwesentlich verändern, so muß auch die Form der Herrschaftverändert werden. Des Ordens Unterthancn bestanden in ei-nem ursprünglich größtcntheils eingewandcrtcn, dann wenig-stens nach und nach eingeborncn Land- und Lehns-Adel, infreien Bauern, Städtern und leibeigenen Prcussen. Der Land-Adel, obgleich ihn der Orden lange in der ursprünglichen Ab-hängigkeit der Lchnsformcn erhielt, sing doch an, sich nach undnach mehr zu fühlen und nach Schutz gegen jede Art von Ver-gewaltigungen durch den Orden zmd nach fester Sicherheit derPerson und des Eigenthums zu streben. Dies führte zu Ver-