Zweites Hauptstück.
Die Slavcn.
Die zahlreichen mächtigen Slavcn, welche seit dem sechstenJahrhundert jetzt von der Ostsee bis zum adriatischcn Meere,von der Elbe und Saale bis zum fernen, unbekannten Ostenunter mannichfach wechselnden Schicksalen zu festen Wohnsitzengelangten, bestanden aus vielen Völkerschaften, die sich beson-ders durch ihre Sprache als Verwandte eines Stammes zeig-ten, doch sonst in Sitten und Art mehrfach verschieden voneinander waren.
Die Nachrichten der ältesten Geschichtschreiber gleichen de-nen der Reisenden über früher unbekannte Gegenden. Fernbegrenzen am Horizonte blaue Berge den Blick des Auges, sieerscheinen als zusammenhängende Bergkette und werden häu-fig mit allgemeinen, von ihrer äufsern Beschaffenheit entlehn-ten Namen belegt. Spätere Forscher nähern sich mehr, siefinden nicht ein zusammenhängendes Gebirge, sondern meh-rere getrennte Züge, mit den dazwischen liegenden Ebenen,und je weiter sie Vordringen, desto genauer unterscheiden sieVor-, Mittel- und Hauptgebirge mit ihren Thälcrn und Flä-chen; die allgemeinen Bezeichnungen verschwinden oder ziehensich enger auf bestimmte Grenzen zusammen, jeder einzelneAheil hat oder erhält nun seinen Namen. So ists mit derVölkerkunde; die Kenntnisse wachsen mit jedem Jahrhunderteund wir trennen nach und nach das Einzelne vom Allgemeinen.
Uns beschäftigen nur diejenigen slavischen Völkerschaften,welche wir in den Stromgebieten der Elbe, Oder, Weichselund Memel finden und die seit jener großen Völkerwanderungihre Sitze nicht wieder verlassen haben. Von dem Gebirge,wo die Quellen der Mulde und Saale entspringen, bis zuderen Mündungen und auf beiden Seiten der Mittelelbe bisgegen die Havel wohnten die mächtigen Sorben, viele ein-zelne Stämme, die Daleminzcr im Meissnischen, die Milzcner