226
Einige meiner Leser bitte ich, dies; zu überblättern. Siewissen, von welchem großen Umfange des Schönen und desNützlichen die Poesie ist; welche würdige und mannichfaltigemoralische Absichten sie haben kann, immer haben sollte, undselten hat. Sie wissen, was die Welt, von dem aufgeklär-testen Richter an, bis ans den letzten Nachsager, von derhöhcrn Poesie fodert. Sie haben gelesen, und selbst gedacht.Sie halten nur das durch die Zeit reif gewordne Urtheil desPublici, und nicht den Kritikus, für unfehlbar. Dieser hattesie oft überzeugt, daß, was er Geschmack nenne, nicht seltenKurzsichtigkeit, Eigensinn, Einseitigkeit, oder gar nur Modesey. Sie haben festgesetzt, daß in einem kleinen Stücke desVirgils, und derer, die mit ihm genannt zu werden ver-dienen, mehr eigentliche, und wahre Regel, als in vielenLehrbüchern sey.
Es sind aber noch andre, und eben so verchrungswürdigeLeser, die wenig von diesem allen wissen, cs zu wissen ver-dienen, eine unverdorbne natürliche Empfindung, und eingutes Herz haben. Sie sind ein sehr würdiger, so schätzbarer,und der größte Theil des Publici, wenn man nicht alle, diesich ins Urtheilen mischen, zum Publiko rechnet. Der Ver-fasser eines heiligen Gedichts muß besonders auch für sieschreiben. Und für sie mache ich folgende wenige Anmer-kungen über die höhere Poesie, welche ich vvraussetzcn muß,um die Frage zu erklären: Ans welche Art man von Ma-terien der Religion dichten dürfe? Ich will jenes in kurzenSätzen thun.
Die höhere Poesie ist ein Werk des Genie; und sie sollnur selten einige Züge des Witzes, zum Ausmalen, anwenden.
ES giebt Werke des Witzes, die Meisterstücke sind, ohnedaß das Herz etwas dazu beigetragen hatte. Allein, das