Aus dem zweiten Gespräche.
Minn a. Sie müssen uns nun auch etwas von derVorlesung sagen.
Selm er. Sie denken nicht daran, daß ich bisweilenStunden würde zubringen müssen, die Regeln zu finden,welche in der Vorlesung einer halben Zeile liegen, die Ihnenvöllig gelungen ist, und uns eben so sehr gefallen hat. Undwie schwer würde es seyn, sich bei dieser Untersuchung nicht zuverirren. Aber wenn man sich auch nicht verirrt, und die Regelndurch die leichtesten Zeichen ausgedrückt hätte; welche Schwierig-keit für die Ausführung eines Vorlesers, welcher der Vorschriftfolgen wollte. Sokrates sagt bei Plato, daß es vornämlichauf den Enthusiasmus des Rhapsoden ankomme. Ihr richti-ges und lebhaftes Gefühl, Minna, ist dieser Enthusiasmus.Ueber das ist Ihre Stimme voller Wendungen, das Gefühlteauszudrücken. Denn ohne diese würden Sie dem Malergleich seyn, der, mir der schönsten Zeichnung in Gedanken,sich mit zitternder Hand an die Leinwand setzte.
Minna. Aber es giebt doch einige allgemeine Regelnder Vorlesung?
Selmer. Diese Helsen fast zu nichts. Ich sage Ihnen:Sic müssen sich nach dem Inhalte richten. Aber wie denn?