Druckschrift 
10 (1844)
Entstehung
Seite
180
Einzelbild herunterladen
 

180

gleichen Falle der Nvthwendigkeit oder nicht völligen Ent-behrlichkeit waren; sie es doch wie wir machten, nnd dasnicht etwa bloß unter der Bedingung, sich auf wenige ein-sylbige Worte einzuschränken, sondern mit viel grvßrer Frei-heit.Der Rhythmus, sagtLongin, braucht nicht allein dasunbestimmte Zeitmaß, wie er will; er macht auch oft diekurze Sylbe lang." Lesen Sie Homer, nnd sehen Sie, ober Longin widerlege. Unterdeß glaub' ich gleichwohl vonunfern Dichtern nicht zu viel zu fodern, wenn ich behaupte,daß sie in den Oden, in welchen bisweilen drei Kürzen hintereinander stehn, das verschiedne Zeitmaß fast dnrchgehendssollten für entbehrlich halten.

Werthing. Aber die Griechen federten das ja selbst indiesen Oden nicht.

Minna. Ich sehe ans dem, was Sic bisher gesagthaben, daß unsre Sylbenmessung viel bestimmter ist, als ichbisher geglaubt habe. Aber sagen Sie mir, worin dennhauptsächlich die Schwierigkeit liegt, die Versarten der Grie-chen in unsre Sprache herüber zu nehmen?

Selmer. Ich habe schon erwähnt, daß diese Schwierig-keit, die Sic sich aber auch nicht größer vorstellen müssen,als sie ist, in der Vertheilung der Längen und Kürzen, undnicht in der Ungewißheit des Zeitmaßes liege. Die Griechenhatte» außer vielen drei- und viersylbigen Worten, worinoft zwei kurze oder zwei lange Splben bei einander stunden,noch verschiedne andre von zwei, drei, vier oder sogar einigevon fünf Splben, die entweder alle lang, oder alle kurzwaren. Wir haben nicht einmal zweisylbige, die so viel kurze,und wenige, die zwei lange Splben hätten. Ein viersplbigesWort von so viel kurzen, und eins von so viel langen Splbenhat freilich zu wenig, und viel Nachdruck der Bewegung.