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Selm er. Denken Sie sich den schönsten Klang der Syl-den, das heißt, einen Klang, der nach dem Inhalte sanftoder stark ist, vnd stellen sich zugleich dabei vor, daß. Siedieselben stets ans eine Art, entweder immer lang, oder be-ständig kurz hörten; so würde dieser Klang nicht allein seineAnnehmlichkeit bald verlieren, sondern er würde Ihnen auchvöllig zuwider werden. Ihr Ohr verlangt mehr, als Wohl-klang, es will auch Bewegung hören. Und diese entsteht da-durch, daß sich die Aussprache bei einigen Sylben längereZeit, und bei andern kürzere verweilt. Sie halten sich beider Aussprache der langen Sylbe eine merkliche, obgleichnicht völlig abgemessene Zeit ans. Bei der kurzen Sylbe istdie Zeit des Aushaltens weniger merklich, und auch nichtvöllig gleich abgemessen.
Werthing. Also giebt es lange und längere; und kurzeund kürzere Sylben?
Seltner. Für die Deklamation, aber nicht für die Theoriedes Sylbenmaßes. Man kann diese kleinern Unterschiede demDichter nicht zur Regel verschreiben; aber der Vorleser läßtsie hören; er macht uns dadurch mehr Vergnügen, als wenner die langen Sylben immer völlig gleichgültig ausspräche;und die kurzen beständig mit genauer Nichtigkeit iu die Hälfteder langen theilte. Er spricht die lange Sylbe länger aus,wenn mehr Konsonanten, oder die Dehnung eines Vokalsoder der Inhalt mehr Zeit erfodern; und die kurze kürzer,wenn sie weniger, oder keine Konsonanten hat, oder der In-halt eilen heißt. Doch sind diese Unterscheidungen da weni-ger merklich, wo die Ursachen des länger» Aushaltens oderdes schnelleren Eilens nicht in dem Inhalte liegen. Gleich-wohl muß der Vorleser, weil er den Gang des Versesmerklich hören lassen soll, auch da, wo ihn weder viel