332
„Sie erinnern sich, Herr von Runenstein, daß Sie mich,als wir ans der Messe waren und Sie eines Abends dasSchauspiel besuchten, im Gasthofzimmcr einschlosscn undmir verboten, mich am Fenster zu zeigen. Ich war, lei-der! ungehorsam: ich trat ans Fenster, und kaum standich da, so sah ich den Vater meines kurz nach der Geburtverstorbenen Kindes die Straße daher kommen. Ich rißdas Fenster auf; ich rief ihm; erhörte mich, kannte mich,stürzte ins Haus. Die verschlossene Thür trennte uns.Leopold wollte sie aufsprcngen; doch Plötzlich fiel mirein Schlüssel, der ganz nahe dabei an der Wand hing,in die Augen. Ich versuchte ihn; er schloß. Leopold rißmir das Kind aus den Armen; er hielt cs für das scinigeund küßt' cs mit schwärmerischer Freude. Vergebens bestrittich seine» Wahn und meldete ihm unsers Kindes Tod: erglaubte mir nicht; er ließ den Kleinen nicht aus den Ar-men und forderte mich auf, sogleich mit ihm zu gehen.Es sep ihm, sagt' er, außerhalb Landes ein Posten ver-sprochen, und er habe mich dcßhalb jetzt in Runensteinabholcn wollen.
Ich weigerte mich, heimlich zn entfliehen. Er drangdarauf, er lief mit dem Kinde nach der Treppe, er drohtemir, sich im Mcßgewühl auf immer für mich zu verlieren.Es war kein Rath, ich mußte zum Schein nachgcbcn. Ichbat, er solle mir nur Zeit lassen, die Stube zu verschlie-ßen; ich hatte den Schlüssel schon in der Hand: aber, wietaub, rannte der wilde Mensch die Treppe hinab, und icheilte ihm nach, weil mich der geringste Verzug in Gefahrsetzte, ihn und das Kind nie wieder zu sehen. Ich hoffte,ihn noch vor dem Hause zur Vernunft zu bringen; doch,schon eine halbe Straße voraus, stürzte er, ohne einenBlick nach mir, immer fort, immer fort, und ließ nichteher mit sich reden, bis wir das Thor weit hinter uns