-»L> 106
Mitgift, die sich von dem reichen Mühlmcister erwartenließ, heimzuführen.
So hatte der geschwätzige Prahler einen Schwarm vonNebenbuhlern aufgeregt, und einer nach dem andern machtesich in den nächsten Tagen aus den Weg, um Brautschauzu halten. Zuerst kam ein rothnäsigcr Gcrichtshalter, derden Schweiß seiner Bauern in Rheinwein und Burgunderverwandelte und zehn Monate im Jahre mit dem Zipper-lein behaftet war; ihm folgte ein von ewigem Tabaks-qualm braun geräucherter Sachwalter, der von nichts alsRechtshändeln sprach und zu sprechen wußte; dann erschienein wüster Landjunker, der sein Gütchen verspielt hatte;und endlich der Arzt des Städtchens, ein roher, unsaube-rer Geist, der allen gesitteten Frauen ei» Gräuel war,weil er immer die unanständigsten Scherze im Mundeführte.
Hildemar wußte nicht, wie er auf Einmal zu der Ehrekam, daß alle diese Herren sein Haus zum Ziel ihrerSpazierfahrten und Lustritte wählten. Keiner von ihnenwar ein Mann nach seinem Herzen; er mußte jedoch ausder Noth eine Tugend machen und sie freundlich empfan-gen. Sie fanden insgcsammt Helenen sehr liebenswürdig,und noch liebenswürdiger die herrlichen Fluren und Ge-bäude, die Jeder mit der Zeit zu erben hoffte. Doch nah-men sie sich in Acht, den Zweck ihrer Besuche sogleich zuvcrrathen. Sie zeigten sich vorerst nur so viel als mög-lich von der besten Seite und waren eifrig beflissen, sichdem Mädchen und den Eltern auf alle Weise zu empfehlen.
Ihnen zu Ehren stellten sic unter andern auch glänzendeGastmähler an. Ein schweres Unternehmen für den ver-armten Landjunker! Doch er schaffte Rath: er borgte Geldund Tischgeräth bei Juden und Christen zusammen. Der