-»D 102 <§-«-
Hclene wuchs heran, ward schön und verband mit Zart-heit und Anmnth der Gestalt einen ihr angcbornen Adelder Seele, der Alles, was sie sprach und that, über Ge-meinheit erhob. Dabei war sie ein bescheidenes, gutesKind. Aber zu den Geschäften der Landwirthschaft hattesie keine Neigung, und man nöthigte sie auch nicht dazu.Sie war hingegen eine fleißige Schülerin des nachbarlichenLandprcdigers, eines gelehrten Mannes, der cs übernom-men hatte, ihren Geist auszubildcn.
Sie stand in der Blüthe ihres sechzehnten Jahres, alseine phantastisch gekleidete Prophetin das Land durchzogund sich überall in die Häuser der Neichen drängte, umfür ihre Weissagungen einen ansehnlichen Ehrcnsold zu ge-winnen. So machte sie auch dem Meister Hildemar, vondessen Wohlhabenheit sie Kunde bekommen hatte, einesMorgens ihren Besuch. Gastfrei, wie er war, ließ er einFrühstück austragen. Als sie aber nach dessen Genuß ineiner feierlichen Stellung weissagen wollte, verbat er dashöflich, weil ihm, wie er hinzusetztc, in seiner Lage nichtsGroßes, das der Rede Werth se-, begegnen könne. Damitgriff er in die Tasche, um die weise Frau mit einem gu-ten Zehrpfennig zu entlassen.
Indem er ihr das Geschenk in die Hand drückte, tratHelene, von ihrem Lehrer kommend, in die Stube. DieProphetin starrte sie mit großen Auge» an, faßte schnellihre Hand, beschaute die innere Fläche derselben und sprachmit Begeisterungl
»Kino, nur eine kleine WeileDeckt nnch Dunkel Dein Geschick.Sine wundergreße EuleMilcht Dein Glück."