-<>D 223 S»-
„Die gute Absicht meiner Mutter verdient Dank undmeine Unart Bestrafung." —
Die Tugend gewinnt am sichersten die Verehrung edlerMenschen, wenn sic selbst auf Bewunderung keinen Anspruchmacht; und diese Empfindung erweckte sie auch hier beidem jungen Manne. Seine Hochachtung gegen das gute,bescheidene Mädchen ward bei der Fortsetzung des Gesprächsmit jeder Minute wärmer und herzlicher. Er fand dieseUnterhaltung so angenehm, daß er sich kaum losreißenkonnte; allein er that es, um noch, che der Ball zu Endeging, mit der Kammerräthin Bekanntschaft zu machen, undsich die Erlaubniß des Zutritts in ihrem Hause zu erbitten.
Diese gewährte ihm die Dame mit stolzer Kälte, als sie,auf ihre Frage nach seinem Stande, erfahren hatte, daßer ein Kaufmann sep und in Handelsgeschäften reise. Hm!dachte sic, er wäre allenfalls gut genug, mich von demUnkrantc, der Wilhelmine, zu befreien; nur mag er sichnicht cinfallcn lassen, seine Angen zu ihren Schwestern zuerheben.
Der Fremde hatte in der Gesellschaft nur Einen Be-kannten, der ihn darin eingeführt hatte. Diesen zog dieKammerräthin bei Seite und erkundigte sich bei ihm mitunbescheidener Zudringlichkeit nach dem Vermögenszustandeseines Freundes. „Der brave Seedorf," antwortete derBefragte mit Achselzucken, „ist nichts weniger als reich;was ihm aber an Glücksgutern abgeht, das ersetzt seinvortreffliches Herz." — Allen Respekt! sagte die Kammer-räthin: damit läßt sich aber wenig Staat machen. —
Als ihr Seedorf am folgenden Tage aufwartete, nahmsie eine hohe Miene gegen ihn an und erwiederte alle seineHöflichkeiten mit kurzen, einsplbjgen Antworten. Ihreunartigen Töchter folgten ihrem Beispiel und begegneten
Langbein'» sämmtl. Schr. VII. Bd. 15