Druckschrift 
4 (1847) Hesperus oder 45 Hundsposttage : zweites Heftlein
Entstehung
Seite
118
Einzelbild herunterladen
 

118

Siehe, da trat in dieser glühenden Minute die erhabneGestalt, die er gestern gesehen, wieder vor sein Herz mit denwchmüthig lächelnden Lippen und mit den Augen voll Thro-nen; und als die Gestalt vor ihm schweben blieb und schim-merte und lächelte, so stand seine Seele vor ihr wie voreiner Verstorbenen auf, und alle Wunden fingen wieder un-ter dem Erheben an zu bluten, und er rief:so weiche dennnie aus meinem Herzen, du erhabne Gestalt, und ruh' ewigauf seinen Wunden!" Die Trostlosigkeit, die Ermattungund der Schlaf überhüllten seinen Geist, so wie seinen letz-ten Gedanken, nächstens nach St. Lüne wieder zu gehen undihre Eltern zu bereden, sie nicht an den Hof zu zwingen . . .

Der lange Schlaf des Todes schließt unsere Narben.zu, und der kurze des Lebens unsere Wunden. Der Schlafist die Hälfte der Zeit, die unö heilt. Der erwachte Viktor,dessen Fieber der Liebe gestern durch die Schlaflosigkeit sosehr zugenommcn, sah heute, daß sein Schmerz »»gemäßigtwar, weil seine Hoffnung unmäßig gewesen: anfangshalt' er gewünscht dann beobachtet dann vermuthetdann gesehen dann ausgclegt dann gehofft danndarauf geschworen. Jeder kleine Umstand, sogar sein Antheilan Klotildens Ernennung zur Hofdame, hatte mildes Oel derLiebe in seine Glut gegossen.O ich Thor!" sagt' er mitden drei Schwur-Fingern an der Stirne, und wie alle kräf-tige Menschen war er um desto muthiger, se muthloser ergewesen. Ja, er fühlte sich auf einmal zu leicht denneine zu schnelle Kur kündigt auch bei Seelen den Rückfallan. Ein neuer Trost war der gestrige Entschluß, daß erKlotilden einen Dienst erweisen nämlich den Hvsdicnstersparen wollte. Er besann sich noch über seinen Entschluß,