38
Aus hundert Gründen schlag' ich hier vor den Augen desindiskreten Lesers Ernestinens Brief an eine ausgedienteHofdame in der Residenzstadt Scheerau aus einander: siemußte jede Woche an sie schreiben, weil man sie zu beerbengedachte und weil Ernestine selber einmal so lange bei ihrund in der Stadt gewesen war, daß sic recht gut cilftausendPfiffe mit wegbringcn konnte — drei Wochen nämlich.
„Die vorige Woche hatt' ich Ihnen wirklich nichts zuschreiben als das alte Lied. Unser Gespiele ennuirt michunendlich und cs dauert mich nur der Rittmeister; cs hilftaber bei meinem Vater kein Reden, sobald er nur jemandhaben kann, den er spielen sieht. Wär's nicht besser, ver-güte Rittmeister ließe seinen Kutscher, der den ganzen Tagin unserer Domestikcnstube schnarcht, aufwecken und anspan-ncn und führ' ab? Seit dem Sonntage martern wir unsnun an Einer Partie herum und ich habe mir schon denEllenbogen wund gestützt — Abends soll sie zu Ende.
Abends um 12 Uhr. Er verliert'S allemal mit seinenSpringern und durch meine Königin. Wenn er einmal ge-hcirathct hat: so will ich ihm seine Fehlgriffe und meineKunstgriffe zeigen. Ich bin recht verdrießlich, gnädige Tante.
Den 16. Inn. In vier Tagen bin ich von meinemSpieler und Schachbrett los und ich will dieses nicht zusie-gcln, bis ich Ihnen schreiben kann, wie er sich gegen seinemüde und unschuldige Korbflechterin benommen. Heute spiel-ten wir oben im sinesischen Häuschen. Da die Abcndröthe,die gerade in sein Gesicht hincinsiel, verwirrte Schatten un-ter die Figuren warf und da mich sein rechter Zeigefingerdauerte, der von einem Säbelhiebe eine rothc Linie hat undder auf der Schachbande auflag: so kam ich aus Zerstreuung