»D 277
einzige Reisegefährtin; denn die Kinder derselben, zweierwachsene Töchter, befanden sich seit einiger Zeit nichtmehr bei ihr. Die ältere war an einen nicht unbemittel-ten Krämer in einem Landstädtche» verhcirathet; die jün-gere diente als Kammerjungfer in der Residenz. MadamSommer schlug daß Haus ihrer ältcrn Tochter vor derHand zum ersten Zufluchtsorte vor. Antonic, mit derGutmüthigkcit des jungen Weibes bekannt, war es zu-frieden und versprach sich eine freundliche Aufnahme.
Nach zwei Tagereisen kamen sie glücklich dort an. Diejunge Frau empfing sie mit lebhafter Freude; aber HerrHeckthalcr, ihr Mann, zeigte ein so mäßiges Vergnügen,daß Antonie sein Haus gern auf der Stelle wieder ver-lassen hätte. Es ward ihm offenbar schwer, seine Ver-legenheit über den unerwarteten Besuch zu verbergen. Erentledigte sich zwar mit Anstrengung einiger kalten Hvf-lichkcitsworte; doch sobald er diesen Tribut der Schicklich-keit halb und halb abgetragen hatte, rieb er ängstlich dieHände, schob die Comtoirmütze von einem Ohre zum an-dern , und begann eine klägliche Litanei von schlechten,nahrlosen Zeiten.
Madam Sommer nahm ihn bei Seite. „Ich und meineBegleiterin," sagte sie, „werden Ihnen auf keine Weisezur Last fallen. Wir erbitten uns zwar auf unbestimmteZeit Dach und Fach in ihrem Hause, doch unter keinerandern Bedingung, als daß Sie uns in Rücksicht derKost und Wohnang wie Fremde behandeln, und dafüreine billige Vergütung annehmen. —
„Ei, bewahre!" rief Heckthalcr. „Das würde sich schi-cken! — Freilich stockt Handel und Wandel; man muß,um zu leben, jedes Profitchen ergreifen und die Groß-muth an den Nagel hängen; aber von Ihnen, Mamachen,