Druckschrift 
8 (1847) Zeitschwingen : mit sechs Stahlstichen
Entstehung
Seite
220
Einzelbild herunterladen
 

220

Augen auf sie. Doch rückte er mit keiner Licbesbcichteheraus; denn er fürchtete, im Organen - Examen nicht zubestehen, und umzäumte daher immer seinen Kopf mit einerkünstlichen, hoch aufgekräusclten und stark gepuderten Fri-sur, um Klaudinen dadurch von einer überraschenden Un-tersuchung abzuschrccken, die sie bisweilen, wenn sie zumScherz aufgelegt war, bei ihren Bekannten anzustcllenpflegte.

So stand noch die Sache, als er einst plötzlich unterdem Vorwand wichtiger Rechtsgeschäfte in die Residenzreiste und von Klaudinen auf einige Wochen Abschied nahm.Jetzt fühlte sie erst, wie lieb und Werth er ihr war. Siezählte die Stunden bis zum Tage der versprochenen Rück-kehr. Aber diese Rechnung schlug fehl. Statt des Gelieb-ten kam ein Schreiben von fremder Hand, mit der Nach-richt: er sey in der Hauptstadt von einer schweren Krank-heitbefallen worden, befinde sich nun zwar wieder außer Ge-fahr, doch könne wohl noch ein Monat bis zu seiner völ-ligen Genesung verstreichen.

Wie erschrack die zärtliche Klaudine! Hätten sie nichtdie Ketten der Schicklichkeit gefesselt, sie wäre nach derHauptstadt gepflogen, um die Wärterin des geliebten Kran-ken zu sepn. Sic mußte sich begnügen, ihm in GedankenArzeneicn zu reichen und zudringliche Fliegen von seinemBette zu jagen. Einige Trostbriese, die bald nach einan-der einliefen und den guten Fortgang seiner Wiederher-stellung berichteten, halfen ihr einen traurigen Monat über-stehen. Am Ende desselben kam er selbst, der sehnlich er-wartete Mann, und mit ihm alle Götter der Freude.

Klaudine machte gegen ihn die Bemerkung: er habe miteiner ziemlich höflichen Krankheit zu schaffen gehabt, dennes sey keine Spur von ihr auf seinem blühenden Gesichte