Am folgenden Morgen wandcrte die Tante unter ihremgewöhnlichen Vorwand wieder aus und Madam Immer-grün begleitete sic. Indessen hatte ich einen wunderlichenBesuch, der mir damals eben so ärgerlich war, als er mirjetzt lächerlich ist.
Ich hörte Jemanden die Treppe hcraufkenchcn und hu-sten. Bald darauf klopfte es an. Ich öffnete die Thürund fand draußen einen kleinen, alten Herrn, der mitfreundlich blinzelnden Augen nach Madam Immergrünfragte. Ich sagte ihm, sie sey nicht zu Hause. Er batum Erlanbniß, sie hier erwarten zu dürfen. Das warmir unangenehm; ich mußte ihn aber aus Höflichkeit her-cinnöthigcn.
Seine Gestalt war mir im dunkeln Borsaal eben nichtaufgefallcn; als ich sie aber jetzt bei Hellem Tageslicht sah,konnte ich mich kaum des Lachens enthalten. Er war sohager, so spindelbeinig und cingeschrumpft, daß er einerverhungerten Heuschrecke glich. Uebrigcns schien er, nachseiner steifen Hofklcidnng und den Diamanten an seinenFingern zu urtheilcn, ein vornehmer und reicher Mann.Ich bot ihm einen Stuhl und setzte mich so weit als mög-lich von ihm. Er mochte sehr kurzsichtig sepn; denn erbcäugelte mich, so oft ich auf mein Strickzeug niedersah,durch ein Fernglas.
Sein schlimmer Kirchhofshusten hinderte ihn lange amSprechen; doch nach und nach bröckelte er einige Schmei-cheleien und Mnthwilligkcitcn heraus, die mit seiner ske-lettförmigen Jammergestalt einen widrigen Contrast mach-ten. Ich antwortete ihm wenig und kalt; er ward aberimmer schalkhafter und hustete endlich sogar eine Liebes-erklärung hervor. Schweigend stand ich auf und wollteihn allein lassen; doch, indem ich nach der Thür ging,