Druckschrift 
9 (1847) Feierabende : mit sechs Stahlstichen
Entstehung
Seite
201
Einzelbild herunterladen
 

^>Z> 201

Jch stand so versteinert, daß mir auf einen Augenblickdie Sprache verging. Indessen hüpfte sie zu ihrem Hof-schranzcn zurück, und sah sich nicht um, als ich stillschwei-gend das Zimmer verließ.

Seitdem sprach ich nie wieder ein Wort mit ihr. Inder Folge hatte sie das Schicksal aller Koketten. Sie ließ,sich bis in ihr dreißigstes Jahr von Grafen und Baronenden Hof machen, verscheuchte durch ihr hochfahrcndes We-sen alle ernsthafte Bewerber ihres Standes, und kam zu-letzt in diejenige Klaffe der alten Jungfern, welche vonJedermann verspottet, von Niemand bemitleidet wird.

Seit meinem Bruch mit Nanny bis in mein zwanzig-stes Jahr schien zwischen mir und den Damen ein Waf-fenstillstand geschlossen zu seyn. Es fielen nur kleine Ne-ckereien vor, die keine Erwähnung verdienen. Indessenstarb mein Vater und hinterließ mir ein so ansehnlichesVermögen, daß ich ganz unabhängig hätte leben können:allein mich lockte der Außcnglanz des Soldatcnstandes;ich bewarb mich um eine Offizicrsstclle und erhielt sie.

Der Spielgescllschaften und Bacchanale meiner Kamera-den bald überdrüssig, sucht' ich Beschäftigung für meinHerz. Tag und Nacht stand vor meinen Augen Rosa-licns Bild. Sic war das schönste Mädchen der Stadtund lebte so eingezogcn, daß selbst die ruhmredigsten Wüst-linge nicht wagten, ihren guten Namen zu beschmutzen.

Durch tausend Umschweife gelang mir es endlich, ihreBekanntschaft zu machen. Die Sittsamkcit dieses sanftenTäubchens bezauberte mich: Ich war mit den Begierdeneines feurigen Jünglings gekommen, und ging hinwegmit dem heiligsten Schwur, diese Unschuld nicht zu ver-führen.

Meine Absichten zielten nun aus eine rechtliche Verbiu-