So verflossen Marianen einige Monate ohne die ge-ringste Unannehmlichkeit. Sie war mit ihrem gegenwär-tigen Zustande vollkommen zufrieden, schrieb darüber mehr-mals an ihren alten Freund Oswald, und machte ihmfreundliche Vorwürfe, daß er den Schauspielerst«,>d mitzu schwarze» Farbe» geschildert habe. Die Antwort dcSGreises war immer: „Ich freue mich, daß cs Ihnen bisjetzt wohl geht. Sie sind aber erst an dem Fuße LeSWerges, und noch lange nicht darüber hinweg." —
Der alte Unglücksprophet sprach wahr. Es fanden sichnach und nach, Wolframs strenger Aufsicht ungeachtet,mehrere junge Herren hinter der Bühne ein, die sich zuMarianen drängten, und sich ihr durch süßliche Schmei-cheleien über ihr vortreffliches Spiel zu empfehlen suchten.Sic lehnte diese Komplimente höflich ab. Das artigeVölkchen rückte nun näher zum Zweck, und ergoß sich infade Lobsprüche ihrer Schönheit. Mariane zog sich crrv-thcnd zurück und ließ ihre Bewunderer ohne Dank undAntwort. Sic versäumten deßhalb aber nicht, die nächstenSchauspicltage wieder zu kommen, sie auf gleiche Weisezu ängstigen, und oft sogar bis ins Ankleidezimmer zuverfolgen.
An der Spitze dieses ungezogenen Trupps stand gewöhn-lich ein zierlicher Kammerjuukcr, der Herr von Windhorst,der weit und breit als ein ausschweifender Wüstling be-kannt war. Er besaß ein ansehnliches Vermöge» , warnicht übel gebildet, und glaubte durch diese zufälligenGlücksgeschcnke mit einer vollgültigen Anweisung auf dieGunst aller Weiber und Mädchen versehen zu seyn.